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Neugier und Spiel
Alle Rabenvögel sind neugierig - es ist ihr Markenzeichen. Man fragt
sich, ob das die entscheidende Eigenschaft war, die ihre Verbreitung und
Vielfalt bewirkte. Gewiss, Neugier kann gefährlich sein, aber sie ist auch
adaptiv, vorausgesetzt sie wird durch ein gutes Urteilsvermögen abgefedert.
Natürlich kann dieses ungebremste Erkundungsverhalten (vor allem bei handzahmen
Tieren) auch zum Ärgernis für die betroffenen Menschen werden.
Durch Spiel und Neugier werden Nahrungsquellen ausfindig gemacht, selbst
die Bekanntschaft mit Beutetieren und Räubern ist zunächst Spiel. So ist es
nicht sehr verwunderlich, dass junge Rabenvögel sich oft auf ein
gefährliches Abenteuer einlassen, um die Grenzen auszutesten.
Ich habe Raben beobachtet, die sich tollkühn gegenüber Bären, Wölfen
oder Füchsen verhielten und wie sie ihnen ihre Ration schmälerten. Der zahme
Rabe versuchte immer wieder, Katzen und Hunde zu belästigen, Gänse und Hühner
am Schwanz zu ziehen oder mit Schulkindern anzubandeln. Die "Opfer"
bestärkten seine Experimentierfreudigkeit durch ihr Fluchtverhalten. Raben sind
überdies dafür berüchtigt, nachtragend zu sein, und es ist erwiesen,
dass die Vögel Antipathien gegen bestimmte Personen und Tiere hegen können
und diesen aggressiv begegnen.
Durch spielerisches Handeln wird der schöpferische Geist gefördert, ohne
Spielen gibt es bei Mensch und Tier keine Kreativität (Estes, 1996). Im
Spiel lassen sich verschiedene Möglichkeiten ausprobieren, auf die später
im Bedarfsfall zurückgegriffen werden kann. Da Jungraben vieles lernen
müssen, was offenbar nur unpräzise vorgeprägt ist, haben sie anscheinend nur ein
sehr undeutliches Bild von dem, was ein gefährliches Objekt ist. Die
Eltern warnen ihren Nachwuchs durch ihr Fluchtverhalten vor drohendem Unheil.
Durch das Spiel mit Objekten erkennen die Vögel, welche Dinge fressbar, sind.
Das "Zerstörspiel" ist in Rabenkreisen besonders beliebt, und der junge
Krächzer scheint nichts anderes im Sinn zu haben, als sämtliche greifbaren
Utensilien zu zerlegen, zu zerhacken oder irgendwie auf den Kopf zu stellen, sofern
das "Objekt seiner Begierde" nicht fressbar ist. Das Werk ist vollbracht,
wenn das Spielzeug in Trümmern liegt. Es darf kein Stein auf dem anderen
bleiben. Dann erst verlässt der Vogel die Stätte der Verwüstung mit einer
gewissen Befriedigung, wie es scheint.
Wilde Jungraben vertreiben sich die Zeit mit Jagd und Spiel aller Art.
Mit zunehmender Tageserwärmung stillen sie ihren Bewegungsdrang beim Segeln
und "Abfangen". Im Jungendverband lernen sie Freund und Feind kennen.
Jungvögel verblüffen mit Verhaltensweisen, wie wir sie bei Menschenkindern kennen.
Im Winter spielen Raben ausgelassen im Neuschnee, rollen sich auf den
Rücken (vgl. Kilham, 1989) und buddeln sich ein. Sie lassen sogar Schneebälle,
die sie im Schnabel mittragen, auf Artgenossen fallen (Drack, 1994).
Vielleicht hat es den Anschein, dass ich durch die starke Bindung an "meine Vögel"
ihnen menschliche Motive unterschieben möchte. Aber wer einmal
zugeschaut hat, wie sie Loopings drehen, den Felgeaufschwung beherrschen, kopfunter
an einem Bein hängen, an einer Leine baumeln oder den Schneehügel
hinunterkugeln, der kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie Spaß
am Spiel haben und dabei noch eine ganze Menge fürs Leben lernen.
Autorin dieses Sonderbeitrags: Dr. Gertrude Drack, Foto oben:
Neugierig und spielfreudig, Foto Mitte: Ist er genießbar?, Foto
unten: Spiel im Schnee; alle Fotos © Edda Grubelnigg
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