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Die Schnabelformen der Vögel
Zeigt her eure Schnäbel! Nicht nur in ihrer Körpergröße und Gefiederfarbe unterscheiden
sich die etwa 10.000 Vogelarten in aller Welt. Auch ihre Schnäbel sind höchst verschieden.
Als sich die Vögel entwickelten, eroberten erstmals in der Geschichte der Erde warmblütige
Wesen eine bis dahin nur von fliegenden Insekten und flugfähigen Echsen bevölkerte
ökologische Nische:den Luftraum. Um flugfähig zu sein, dürfen Lebewesen nicht viel
wiegen, was im Laufe der Evolution zu speziellen Anpassungen des Körperbaus an diese
hohen Anforderung geführt hat. Vögel verfügen über ein extrem leichtes Skelett sowie
ein äußerst leistungsstarkes Atmungssystem. Ferner geht ihre Verdauung ausgesprochen
schnell vonstatten, damit die Tiere keinen unnötigen Ballast mit sich herumtragen müssen,
während sie fliegen. Foto rechts:
Glanzkrähe
(Corvus splendens)
Auch das Organ zur Nahrungsaufnahme wurde im Laufe der Zeit perfektioniert. Der Schnabel
ist die ideale Lösung für flugfähige Tiere. Er ist verglichen mit den massiven Kieferknochen
von Säugetieren extrem leicht und dennoch stabil. In seinem Grundaufbau ist der Schnabel
bei allen Vogelarten gleich. Ihr Oberschnabel ist am Hirnschädel befestigt und daher nicht
beweglich, der Unterschnabel ist über ein Gelenk mit dem Schädel verbunden und dadurch
frei beweglich. Aufgebaut ist der Schnabel aus Keratin beziehungsweise Schnabelhorn,
das neben seinem geringen Gewicht einen weiteren unschlagbaren Vorteil bietet: Es kann
unterschiedliche Formen annehmen, weshalb es den Vögeln möglich war, unzählige
verschiedene ökologische Nischen zu besetzen und dabei die Luft als Medium zu nutzen, in
dem sie sich fortbewegen. Foto rechts: Roter Sichler (Eudocimus ruber)
In den vergangenen Jahrmillionen entwickelten sich deshalb zahlreiche unterschiedlich geformte
Schnäbel, die vor allem als hoch spezialisierte Werkzeuge für die Aufnahme bestimmter
Nahrungsmittel dienen. Ein Blick auf den Schnabel einer Vogelart genügt oft, um Rückschlüsse
auf seine Ernhärungsgewohnheiten ziehen zu können. Foto rechts: Zwei Marabus
(Leptoptilos crumeniferus)
Der Hakenschnabel
Papageien und Greifvögel besitzen einen so genannten Hakenschnabel. Hierbei ist der
Oberschnabel mehr oder minder stark gekrümmt und erheblich länger als der Unterschnabel.
Viele Papageienarten ernähren sich von Samen und Früchten. Ihr Oberschnabel weist auf
seiner Innenseite quer verlaufende Rillen auf, die das Fixieren der Nahrung mit dem
Unterschnabel erleichtern. Samenkörner rutschen aufgrund dieser Rillen nicht so leicht
aus dem Schnabel, während die Vögel mit dem Unterschnabel geschickt die Samenhüllen entfernen.
Der Papageienschnabel wird gelegentlich auch Krummschnabel genannt. Vor
allem bei Aras ist er ausgesprochen kräftig. Diese auf dem südamerikanischen Kontinent
beheimateten Großpapageien sind problemlos dazu in der Lage, hartschalige Nahrung wie
beispielsweise Paranüsse zu knacken. Den Papageien dient der scharfe Haken am unteren
Ende des Oberschnabels als perfekte Kletterhilfe, mit der die Vögel nahezu überall Halt
finden. Deshalb dient der Schnabel bei ihnen nicht nur als Werkzeug zur Nahrungsaufnahme, sondern
auch als "drittes Bein" und Kletterhilfe. Foto: Neuguinea-Edelpapagei, Männchen
(Eclectus roratus)
Greifvögeln nutzt ihr stark gebogener Hakenschnabel beim Zerteilen ihrer Beutetiere.
Adler und andere gefiederte Jäger lebender Beute greifen diese mit ihren starken Füßen
und drücken das Opfer zu Boden. Mit dem kräftigen Hakenschnabel fügen viele Greifvögel
ihrer noch lebenden Beute einen tödlichen Biss zu, bei dem sie die Luftröhre des Opfers
zudrücken oder das Genick brechen. Anschließend reißen sie ihre Beute mit dem spitzen
Schnabel auf, um sie dann in schnabelgerechte Happen zu zerteilen.
Aas fressende Greifvögel wie die Geier besitzen zwar starke Hakenschnäbel. Dennoch
sind sie mitunter nicht kräftig genug, um größere Kadaver selbst zu öffnen.
In der afrikanischen Savanne beispielsweise warten Geier oftmals, bis andere
Aasfresser - also Löwen oder Hyänen - die Kadaver von Elefanten, Nashörnern und
anderen großen Tieren geöffnet haben. Erst dann kann ihr Hakenschnabel zum Einsatz
kommen. Foto: Gänsegeier
(Gyps fulvus)
Der Spitzschnabel
Insektenfresser verfügen über spitze, schmale, pinzettenartige Schnäbel, bei denen Ober-
und Unterschnabel in aller Regel gleich lang sind. Typische Beispiele für Träger dieser
Schnabelform sind Bachstelzen (Motacilla alba) oder Schwalben, zum Beispiel die
Rauchschwalbe (Hirundo rustica). Sehr kurze,
spitze Schnäbel eignen sich ideal für das Fangen von Insekten im Fluge. Die nebenstehend
abgebildete Rauchschwalbe (Hirundo rustica) ist ein Meister dieser Jagdtechnik,
bei der die Beute umgehend nach dem Fang verschluckt wird. Foto rechts:
Rauchschwalbe (Hirundo rustica)
Wiedehopfe (Upupa epops) tragen erheblich längere pinzettenartige Schnäbel. Diese
Tiere gehören zu den Rackenvögeln und ernähren sich von Insekten wie Maulwurfsgrillen
oder Heuschrecken. Ihre Verwandten, die Bienenfresser (Merops apiaster), können
sich aufgrund des langen Schnabels an äußerst wehrhafte Beuteinsekten wagen. Sie
fangen Bienen im Flug und behalten ihre noch lebende Beute zunächst im Schnabel. Dann
lassen sie sich auf einem Ast nieder und schlagen das Insekt gegen einen harten Gegenstand
- meist ist dies der Untergrund, auf dem sie selbst sitzen. Auf diese Weise können
Bienenfresser das für sie schädliche Gift aus dem Insekt schlagen beziehungsweise
die Beute töten, ohne Gefahr zu laufen, von den Bienen gestochen zu werden. Der
lange Schnabel hat demnach einen entscheidenden Vorteil für die auf den Fang giftiger
Insekten spezialisierten Vögel, denn mit seiner Hilfe konnten sie eine Nahrungsquelle
für sich erschließen, vor der die meisten anderen Insekten fressenden Vögel
zurückschrecken.
Der Kegelschnabel
Einen kegelförmigen, harten Schnabel tragen alle Körnerfresser. Unter ihnen finden sich
zum Beispiel Finken. Die kräftigen, konischen Schnäbel ermöglichen es den Vögeln,
vergleichsweise harte Samen problemlos zu knacken. Bei nahezu sämtlichen Körnerfressern
haben Ober- und Unterschnabel dieselbe Länge.
Der in Mittel- und Südeuropa ganzjährig heimische Kernbeißer (Coccothraustes
coccothraustes) trägt einen gewaltigen Schnabel, der im Gesicht des etwa
starengroßen Vogels vollkommen überdimensioniert wirkt. Ihre mächtigen Beißwerkzeuge
ermöglichen es den Vögeln, selbst härteste Kerne zu öffnen, die von nahezu allen anderen
Vogelarten desselben Lebensraums gezwungenermaßen verschmäht werden.
Foto rechts: Kernbeißer
(Coccothraustes coccothraustes), © Martin
Wer einmal eine Kernbeißerfamilie in einem Kirschbaum hat "wüten" sehen, der hat
eine Vorstellung davon, was die Vögel mit ihren Schnäbeln anrichten können. Innerhalb
weniger Minuten zerfleischen sie das Obst, dessen süßes Fruchtfleisch sie achtlos auf
den Boden fallen lassen. Einzig das Innere der harten Kerne dient den Vögeln als Nahrung.
Was auf den ersten Blick wie eine sinnlose Verschwendung anmutet, ist in Wahrheit
ein genialer Schachzug der Evolution. Viele Vogelarten ernähren sich von Fruchtfleisch
und lassen Samen wie harte Kirschkerne achtlos auf den Boden fallen. Dank ihrer
kräftigen Schnäbel sind die Kernbeißer dazu in der Lage, diesen "Abfall" als
nährstoffreiches Futter zu verwerten.
Der Kreuzschnabel
Eine echte Besonderheit in der Vogelwelt stellt die Familie der Kreuzschnäbel dar. Im
Laufe der Entwicklungsgeschichte haben sich Tiere wie die in weiten Teilen Europas
beheimateten Fichtenkreuzschnäbel (Loxia curvirostra) darauf spezialisiert,
die nahrhaften Samen aus den Zapfen von Fichten, Lärchen und Kiefern zu klauben.
Foto rechts: Fichtenkreuzschnabel
(Loxia curvirostra), Männchen
Ihre Ober- und Unterschnäbel liegen nicht wie bei anderen spitzschnäbligen Vogelarten
der kompletten Länge nach aufeinander. An ihren Enden überkreuzen sich die beiden
Schnabelhälften, was dazu führt, dass die Vögel besonders leicht an die begehrten
Samen gelangen. Der gekreuzte Schnabel lässt sich ideal als Hebel einsetzen, um einzelne
Schuppen eines Zapfens aufzubiegen, während die Tiere mit ihren Zungen geschickt ihre
Leibspeise, die feinen Samen, lösen.
Der Seihschnabel
Eine der bemerkenswertesten Anpassungen an eine enge ökologische Nische ist der
Seihschnabel der Flamingos. In seiner Konstruktionsweise ist er ausgesprochen kompliziert,
da er höchsten Anforderungen genügen muss. Das in der Vogelwelt einzigartige Spezialwerkzeug
erlaubt es den eleganten Vögeln, Algen aus Gewässern wie dem Bogoriasee in Ostafrika
oder Lagunen in der französischen Camargue zu seihen. Manche Flamingoarten ernähren sich aber
nicht nur von Algen, sondern auch von kleinen Krebstierchen und Würmern. Foto rechts:
Rosaflamingo
(Phoenicopterus ruber)
Um ihre Nahrung aufzunehmen, senken Flamingos ihren Kopf so ins Wasser, dass sich ihr
Oberschnabel zuunterst befindet. Er liegt mit der Spitze nach hinten knapp unterhalb
der Wasseroberfläche, weil dort die Konzentration an Beutetieren beziehungsweise
Algen am größten ist. Der Unterschnabel der Flamingos weist eine knollige Verdickung
auf und enthält überdies eine wabenartige, mit Luft gefüllte Struktur. Diese verleiht
dem Schnabel im Wasser genau den richtigen Auftrieb, um für die Nahrungsaufnahme
ohne Kraftaufwand stets in der besten Position zu bleiben.
Von großer Bedeutung ist der Knick im Schnabel der Flamingos. Ein normal geformter
Schnabel klafft im geöffneten Zustand an seiner Spitze erheblich weiter auseinander
als an der Basis. Dank des Knicks stehen die beiden Hälften des Flamingoschnabels in
leicht geöffnetem Zustand auf der gesamten Länge ungefähr gleich weit auseinander. An
den Rändern tragen Ober- und Unterschnabel feine, haarige Lamellen, in denen sich Algen
oder kleine Wasserlebewesen verfangen, wenn die Vögel mit Hilfe ihrer Zunge das Wasser
durch den Schnabel pumpen.
Der Pflanzenfresserschnabel
In aller Welt haben sich zahlreiche Vogelarten auf vegetarische Kost spezialisiert.
Hühnervögel beispielsweise haben einen länglichen, an seinen Rändern gezackten Schnabel,
mit dem sie ihre Futterpflanzen leicht in Stücke reißen können. Auch etliche der weltweit
vorkommenden Entenarten verleiben sich täglich Grünzeug ein. Ihre Schnäbel sind flach
und breit, damit die Vögel auf ihren Tauchgängen unter Wasser wachsende Pflanzen leicht
aus dem Untergrund reißen können. Breite Schnäbel mit gezackten Rändern sind für diesen
Zweck das ideale Werkzeug. Die empfindlichen Pflanzenteile lassen sich durch die große
Fläche, mit der sie fixiert werden, am Stück aus dem Grund ziehen, ohne dabei zerrissen
zu werden. Foto rechts: Stockente (Anas platyrhynchos), Männchen
Ferner eignen sich Entenschnäbel bestens zum so genannten Gründeln. Hierbei bewegen Vögel
wie die Stockenten (Anas platyrhynchos) ihre beiden Schnabelhälften dicht an der
Wasseroberfläche entlang. Sie schnappen in schneller Abfolge nach kleinen Schwimmpflanzen
wie Wasserlinsen, um diese mit ihrer Zunge aus dem Wasser zu fischen, das sie durch das
wiederholte, rasche Öffnen und Schließen ihres Schnabels durch selbigen leiten.
Der Röhrenschnabel
Eine sehr charakteristische Schnabelform hat sich bei denjenigen Vogelarten herausgebildet,
die sich auf das Schlürfen von Nektar spezialisiert haben. In Nord-, Mittel- und Südamerika
sowie in der Karibik leben etwa 340 Kolibriarten, die allesamt lange, schlanke Schnäbel
aufweisen. Dieselbe ökologische Nische wird in anderen Erdteilen von den Nektarvögeln
eingenommen, Kolibris kommen ausschließlich in der Neuen Welt vor! Foto rechts:
Zwergveilchenohr
(Colibri thalassinus)
Vergleicht man die einzelnen Kolibriarten untereinander, sehen ihre Schnäbel zwar auf den
ersten Blick recht verschieden aus. Allerdings ist die Variabilität im Vergleich zu der
bei anderen Vogelgruppen vergleichsweise gering. Bei den meisten Kolibriarten erreicht
der Schnabel eine Länge, die etwa einem Drittel bis einem Viertel der Körperlänge der
Tiere entspricht. Ihre Form ist entweder gerade oder leicht nach unten gebogen, damit die
Vögel optimal an den Nektar der Pflanzen gelangen können, auf deren Nahrungsangebot sie sich
jeweils spezialisiert haben. Während die Vögel im
Schwirrflug
vor einer Blüte verharren und den süßen Pflanzensaft trinken, kommt ihr Kopfgefieder
mit Pollen in Berührung. So tragen Kolibris maßgeblich zur Befruchtung und Verbreitung
mancher Pflanzenarten bei, da sie die Hauptbestäuber dieser Spezies sind.
Der Schnabel der Fischfresser
Ein Großteil der Fisch fressenden Vogelarten ist an der charakteristischen Schnabelform
zu erkennen. Spitze, lange oder mit zusätzlichem Horn am Rand verstärkt Schnäbel eignen
sich hervorragend, um glitschige Beute zu fixieren. Die kleinen Widerhaken an den Rändern
des Schnabels schieben sich unter die Schuppen der Beutetiere, was für einen sicheren Halt
beim Fangen sorgt. Typische Beispiele für vergleichsweise kurze, zackenbewehrte
Fischfängerschnäbel sind derjenigen der Pinguine. Die Abbildung in diesem Absatz
zeigt einen Brillenpinguin (Spheniscus demersus). Beheimatet ist diese bis zu 70
Zentimeter große Vogelart im südlichen Afrika.
Der Schnabel als Kescher
Wer als Wasservogel von Fisch lebt und außerdem über einen stattlichen, schweren Körper
verfügt, benötigt täglich relativ große Nahrungsmengen, um über die Runden zu kommen.
Schnäbel, mit denen man einfach nach Fischen schnappt, sind hierfür normalerweise nicht
effizient genug. Deshalb beschritt die Evolution bei den Pelikanen einen recht
eigentümlichen Weg: Sie entwarf den "Kescherschnabel", also einen langen Schnabel, an
dem ein riesiger, stark dehnbarer Kehlsack befestigt ist.
Pelikane patrouillieren in einigen Metern Höhe über fischreichen Gewässern, wenn sie auf
Nahrungssuche sind. Sobald sie ihre Beute erspähen, ändern sie ihre Flugrichtung und
stürzen sich kopfüber der Wasseroberfläche entgegen. Sind sie mit dem Kopf ins Wasser
eingetaucht, öffnen sie blitzschnell ihren voluminösen Schnabel, der einen Unterdruck
erzeugt und im Idealfall das Beutetier in sein Inneres saugt. Rasch schließen die Vögel
ihre Schnäbel und schwimmen zur Oberfläche, um dort das Wasser aus dem Kehlsack rinnen
zu lassen, während der Fisch darin zurückbleibt. An den Rändern weisen Pelikanschnäbel
feine Haken auf, mit denen die Vögel rutschige Fischleiber bestens fixieren können.
Die Abbildung im oberen Absatz zeigt einen Rosapelikan (Pelecanus onocrotalus).
In seinen Kehlsack passen bis zu 13 Liter Wasser.
Der "Stocherschnabel"
Etliche Vogelarten in aller Welt haben weite Schlick- oder Wattflächen sowie flache
Gewässer für sich als Lebensraum und überreiche Nahrungsquelle erschlossen. Kleine
Schnecken, Krebstiere, im Schlick eingegrabene Würmer, aber auch Kaulquappen, winzige
Muscheln, Schwimmkäfer und im Wasser lebende Insektenlarven bilden eine proteinreiche
Kost, die Vögel wie den nebenstehend abgebildeten
Stelzenläufer
(Himantopus himantopus) bei Kräften halten.
Um an die begehrte Nahrung zu gelangen und dabei nach Möglichkeit ein trockenes Gefieder
zu behalten, ist es für Watvögel und andere "Stocherschnabelträger" sinnvoll, ein
ausladendes Fangwerkzeug am meist langbeinigen Körper zu tragen. Die Schnäbel jener
Nahrungsspezialisten sind deshalb gemessen an den Körperproportionen überdurchschnittlich
lang, schmal und spitz. Einerseits lässt sich mit dünnen, langen Schnäbeln hervorragend
im Schlick nach Nahrung stochern, andererseits eignet sich diese anatomische Besonderheit
ideal zum Fixieren winziger Beutetiere - die beiden gleichlangen Schnabelhälften erfüllen
die Funktion einer Pinzette. An der Spitze sind die Stocherschnäbel der Watvögel besonders
empfindlich, da dort zahllose Nervenenden zusammenlaufen. Dies erleichtert das Auffinden
der Beute im Schlick erheblich. Die Nasenöffnungen befinden sich in der Nähe der
Schnabelwurzel, damit sie bei der Nahrungssuche nicht verstopfen.
Asymmetrische Schnäbel
Bei den meisten Vogelarten mit geraden Schnäbeln sind Ober- und Unterschnabel gleich lang.
Eine Ausnahme von dieser Regel bildet die Familie der Scherenschnäbel, deren Unterschnäbel
länger als die Oberschnäbel sind. Mit drei Arten sind diese sonderbaren Vögel auf
dem Globus vertreten: Indischer Scherenschnabel (Rynchops albicollis), Afrikanischer
Scherenschnabel (Rynchops flavirostris) und Amerikanischer Scherenschnabel
(Rynchops niger).
Um ihre Nahrung zu erbeuten - Scherenschnäbel fressen frisch gefangenen Fisch -, fliegen
die Vögel mit geöffneten Schnäbeln dicht oberhalb der Oberfläche ruhiger Gewässer.
Hierbei ist der Unterschnabel ins Wasser eingetaucht, die Tiere durchpflügen es
regelrecht. Sobald die Scherenschnäbel einen Widerstand mit dem Unterschnabel
ertasten, schnappt der kürzere Oberschnabel nach unten. Meist gerät auf diese Weise
ein Fisch zwischen die beiden unterschiedlich langen Schnabelhälften und kann sich
daraus nicht mehr befreien.
Die hoch spezialisierte Jagdmethode führt häufig zum Erfolg bei relativ geringem
Kraftaufwand. Aber sie hat auch ihre Kehrseite. Besonders gefährlich ist es für
Scherenschnäbel, mit dem ins Wasser getauchten Unterschnabel gegen ein unsichtbares,
massives Hindernis wie einen Stein zu prallen. Dabei können sich die Vögel entweder
den Kiefer brechen oder das Schnabelhorn beschädigen. Infolge eines solchen Unfalls
sind Scherenschnäbel nicht mehr dazu in der Lage, auf die Jagd zu gehen und müssen
verhungern.
Extravagante Schnäbel
Tukane gehören zu den Vögeln mit den wohl extravagantesten Schnäbeln. Der größte Vogel
seiner Familie ist der im Foto rechts gezeigte Dottertukan (Ramphastos vitellinus).
Bei einer Körpergröße von 45 bis 55 Zentimeter misst die Schnabellänge
des im tropischen Amerika beheimateten Dottertukans mehr als 15 Zentimeter. Damit
Tukane flugfähig sind, dürfen ihre
gewaltigen Schnäbel nicht massiv sein. Die auffallenden Gebilde bestehen aus sehr leichtem
Horn, das durch dünne, knochenartige Verstrebungen stabilisiert wird.
Weshalb die Tukane im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte derart außergewöhnliche Schnäbel
ausgebildet haben, ist nicht einwandfrei geklärt. Offenbar scheinen die bunten Riesenschnäbel
von besonderer Vitalität zu zeugen und demnach ein in der Partnerwerbung bedeutungsvolles
Körperteil zu sein. Ähnlich ausladende Schnäbel tragen die in Südostasien heimischen Hornvögel
zur Schau.
Die "Balzschnäbel"
Viele Vogelarten tragen während der Balzzeit nicht nur ein so genanntes Prachtkleid, also
ein andersfarbiges, meist bunteres Gefieder als während der Ruhephase des Jahres. Auch ihre
Schnäbel verfärben sich oder bilden wie im Falle des Papageitauchers (Fratercula arctica)
auffällige Wülste. Während der Fortpflanzungsperiode wachsen diesen im Nordatlantik
beheimateten Seevögeln knallbunte Schnabelscheiden. Jene äußere Schnabeldecke besteht
aus der Hornsubstanz Keratin.
Um die Signalwirkung der Schnäbel im Prachtkleid zu steigern, wächst den Vögeln
außerdem links und rechts je eine gelbe Balzwarze an der Schnabelwurzel, also quasi
im "Mundwinkel". Auch an den Augenlidern bilden sich graublaue Auswüchse, die nur während
der Fortpflanzungsperiode vorhanden sind. Erst im Spätsommer wird die leuchtend bunte
Schnabelscheide abgeworfen, wodurch der Schnabel schmaler und weniger auffällig wird.
Autorin des Sonderbeitrags und Fotos ©
Gaby Schulemann-Maier
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