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Bitte kein Katzenfutter!
Eine Frau stand unangemeldet am Gartentor. Das war nicht ungewöhnlich, denn es hatte sich
in der Nachbarschaft herumgesprochen, dass bei uns Wildvögel aufgezogen und ausgewildert
werden. Die Autofahrer, die trotz Verbotes immer die Abkürzung durch die Straße
nur für Anlieger fuhren, erkannte man immer daran, dass sie beim Anblick eines Vogels,
der vom Dach aus meinen Arm anflog, Gefahr liefen, in unseren Zaun zu krachen.
"Entschuldigen Sie bitte", sagte die Frau, "ich bin letztens zufällig hier vorbeigelaufen
und habe Ihre Krähenvoliere gesehen. Bei mir lebt seit acht Jahren eine Nebelkrähe
in der Küche, die nicht fliegen und nicht richtig laufen kann, aber ich kann einfach
nicht mehr, der ganze Dreck, das Futter, das sie umher wirft - würden Sie sie aufnehmen?"
"Eigentlich nehme ich keine Vögel, die nicht freiheitstauglich werden, sonst wäre
meine Voliere in kurzer Zeit überfüllt", erklärte ich. "Wo halten Sie denn die
Krähe?"
"In einem Kaninchenstall", sagt die Frau. Ich ersparte es ihr, nach einer Haltegenehmigung
zu fragen.
"Und warum kann sie nicht fliegen?", fragte ich. "Sind die Federn abgebrochen?"
"Nein, sie hatte auch einen Flügelbruch", erklärte die Frau. "Ich war mit
ihr beim Tierarzt, aber es war nichts mehr zu machen".
"Gut", sagte ich, "Sie können Ihren Vogel bringen. Er kann erst 'mal hier mitlaufen,
und ich suche dann einen guten Dauerplatz."
Nach sieben Jahren Vogelauswilderung glaubt man ja, es sei keine Steigerung mehr möglich.
Als aber die Frau am nächsten Tag in der Küche stand und die Krähe aus
einem Korb holte, stockte mir der Atem. Ein Kreuzschnabel, mit dem jede Nahrungsaufnahme
unendlich mühsam sein musste. Abgebrochene, zum Teil blutverklebte Federkiele anstelle
von Schwungfedern. Komplett abgestoßene Schwanzfedern. Kotverklebte Kloake. Das
Schlimmste aber waren die Beine. Verkrüppelte Füße mit verdrehten, viel
zu langen Krallen, so dass die Krähe nur auf den Ballen robben konnte. Schmerzhaft
geschwollene, entzündete und blutige Druckstellen an den Gelenken.
Sofort einschläfern, dachte ich, was muss dieses Tier gelitten haben. Acht Jahre
lang. Stattdessen hörte ich mich sagen: "Wir waschen sie erst 'mal."
Vorsichtig drehte ich den Vogel auf den Rücken und hielt die Kloake unter
fließendes Wasser.
"Sie hält ja so still", sagte die Frau. "Bei mir hat sie immer geschrieen,
wenn ich sie festgehalten habe".
"Die Gelenke tun ihr weh", sagte ich. "Hat sie denn nie gebadet?"
"Nein, sie hat Angst vor Wasser", sagte die Frau.
Die Spüle füllte sich mit Kotklumpen. Unglaublich, wie der Vogel überhaupt
noch etwas absetzen konnte. Ich ließ die Klumpen demonstrativ liegen.
"Wir setzen sie jetzt zu den anderen", sagte ich. "Allerdings muss ich beobachten, ob
sie nicht angegriffen wird."
Das arme Wesen, dachte ich, man sollte sie sofort von ihren Schmerzen erlösen. Ich
setzte sie in der Voliere ins Gras neben den Futternapf und entfernte mich langsam. Die
anderen Krähen, meist Jährlinge mit abgebrochenen "Katzenfutterfedern",
hüpften neugierig herbei und beäugten den Neuankömmling. Von
Angriffslust keine Spur.
"Kann ich sie gelegentlich besuchen?", fragte die Frau.
"Ja, natürlich", sagte ich, "jederzeit."
Die Krähe versuchte, ein wenig vorwärts zu kommen und platschte auf den Bauch.
Mit ihren Flügelstummeln versuchte sie, wieder ihr Gleichgewicht herzustellen.
Und dann sah ich, wie sie vorsichtig in die Sonne blinzelte. Der erste Sonnenstrahl
- nach acht Jahren. Ich drückte die einschießenden Tränen zurück.
"Ich bringe ein bisschen Obst mit.", sagte die Frau, "Sie mochte Granatäpfel."
"Ich hole ein Schmerzmittel, damit sie sich nicht so quält.", murmelte ich und ging
ins Haus.
Als ich mit der Spritze zurückkam, war die Frau verschwunden. Soll ich jetzt die
Krähe zum Einschläfern bringen, fragte ich mich, die zum ersten Mal friedlich
in der Sonne sitzen kann? Die Wärme schien ihr gut zu tun. Ich gab ihr das
Schmerzmittel. Es tat mir so leid, wie sie über den Boden robben musste. Die anderen
hielten respektvoll Abstand und drängten sie auch nicht vom Futter weg. Ob ihnen
der Kreuzschnabel suspekt war?
Es war ein schöner Sommer, und die Krähe saß jeden Tag in der Sonne. Sie
nahm durch den Kreuzschnabel mühevoll kleine Futterstücke auf. Ich ließ
eigens eine Schüssel mit Wasser in einer Mulde ein, weil sie nicht über eine
Kante klettern konnte, und sie saß am Rand und betrachtete ihr Spiegelbild.
Hinein wollte sie aber nicht. Die Frau erschien noch einige Male, meist, wenn ich
nicht da war, und ließ eine Plastiktüte mit Granatäpfeln da. Danach
kam sie wohl nicht mehr, denn die Tüten blieben aus.
Jeden Tag gab ich der Krähe das Schmerzmittel. Zwei Monate geht das gut, dachte ich,
bevor die Blutbildveränderung anfängt. Die Nächte wurden kühler. Dann
war eine Schlechtwetterfront angekündigt. Sie soll nicht erleben, dass die Sonne wegbleibt ...
Am Nachmittag fuhr ich zur Tierärztin. Ganz ruhig saß sie in meiner Hand. Durch
das Fenster fiel das Sonnenlicht in die Praxis.
"Darf ich mich dort hinsetzen?", fragte ich. Den Einstich der Spritze merkte die Krähe
nicht. Sie hatte die Augen in der Sonne schon geschlossen. Ihr Kopf fiel nach vorne, sie
schlief einfach ein.
Autorin des Sonderbeitrags: Almut Malone,
Vogelklappe, Juni 2006
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