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Die Rabenkrähe, die das Krähen nicht lernen durfte
Da wir neben diversen anderen Tieren schon einige Rabenvögel in unserer Obhut haben, die in einer Außenvoliere auf die Freiheit vorbereitet werden und auch wir nur begrenzte Kapazitäten haben, habe ich der Dame am Telefon schweren Herzens abgesagt. Den Hörer aufgelegt, und im selben Moment gewusst, dass es so nicht geht. Nicht geht für mich. Natürlich konnte ein Nein nicht so stehen bleiben, gab es doch offensichtlich da irgendwo weit entfernt ein Wesen, das sich nach einem artgerechten Zuhause sehnt. Bestärkt in meinem Entschluss durch die Meinung meines Partners - "Ruf an, so ein armer Wicht braucht ein Zuhause!" - den Hörer genommen und die Dame zurückgerufen und mich bereit erklärt, den Rabenvogel aufzunehmen. Einige Tage später zog Eule bei uns ein. Auf den ersten Blick ein durchaus fitter Kerl, der nur ein wenig Abgewöhnung benötigt und dann endlich sein Leben leben darf, ein freies Leben unabhängig vom Menschen. Wäre da nur nicht das Zittern gewesen, eine ganz klare Haltung von Unterwürfigkeit - Angst, sich klein machen. Es war sofort klar, dass Eule den Menschen in ihrem bisherigen Leben als Revierinhaber verstanden hat, ein Wesen, vor dem man sich unterzuordnen hat. Das hat uns sehr traurig gemacht, wir haben Eule so sehr in Ruhe gelassen, wie es eben geht, wenn man die Voliere säubern muss etc. Und ihr immer wieder beruhigend zugeredet. Eule hat zwei Wochen lang keinen Laut von sich gegeben. Wir dachten schon, sie sei stumm. Bis zu dem Morgen, an dem wir von lautem Hundegebell geweckt wurden! Bei uns lebt so ziemlich alles, aber keine Hunde. Daher sind wir beide ganz verwirrt aus dem Schlaf hoch geschreckt ... Eule! In den folgenden Tagen überraschte uns Eule mit miauen, papageienähnlichen Rufen und undefinierbaren Lauten. Ganz, ganz selten war ein echter Rabenvogellaut zu hören. Eule hat in ihrem ganzen Leben mit Sicherheit noch keinen Artgenossen gesehen/gehört/erlebt. Eher Katzen, Hunde, Papageien u. a. Auf Artgenossen reagiert sie sehr ängstlich oder extrem dominant. Wir hoffen von ganzem Herzen, dass Eule einen Kontakt zu ihren Artgenossen aufbauen kann und ganz, ganz bald ein echter Rabenvogel sein darf. Neun Monate später
Noch bevor ich in die Nähe der Voliere komme, werde ich mit lautem Rufen begrüßt - Rufe, wie sie wilde Rabenvögel von sich geben - ganz deutlich erkennbar für mich auch Eules Ruf darunter. Ihr Ruf ist gleich dem eines Rabenvogels, aber sehr dominant, Revier verteidigender, wie die der jüngeren Rabenvögel.
Ich sitze dort auf meinem Baumstumpf und beobachte:
Ich kann den Tag kaum erwarten, an dem ich die Volierentür öffne und Eule und ihre Freunde gemeinsam in das für sie bestimmte Leben ziehen werden. Es gibt keine glücklicheren Augenblicke in der Pflege von Wildvögeln. Es wird aber sicherlich noch eine Weile dauern, bis dieser Tag gekommen sein wird, und ich und die Rabenvogelgesellen müssen sich in Geduld üben, denn sie haben noch viel nachzuholen an Erfahrungen, die ihre wilden Kollegen ihnen voraus haben. Aber der Tag wird kommen ...!
Foto und Autorin des Sonderbeitrags: Dagmar Offermann, April 2006
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