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Was wissen wir vom Leben? Ich hatte vor Jahren eine Spätzin namens Sahra. Damals wusste ich noch nichts vom (vernünftigen) Auswildern. Natürlich waren meine Tiere nie alleine, ich habe immer irgendwie einen Artgenossen "organisiert", der auch gestrandet war.
Am nächsten Morgen wollte ich sie wie immer wecken, indem ich an den Küchenschrank klopfte und "Guten Morgen, Sahra" sagte. Sie kam nicht. Küchenschrank abgerückt, keine Sahra. Sie lag zwischen den Pflanzen, tot, und meines Erachtens musste sie abends gestorben sein, die Augen waren schon vertrocknet. Sie sah schrecklich verkrampft aus und ich habe ewig immer wieder mal geheult, und es tat so weh, weil sie wahrscheinlich unbemerkt neben mir gestorben ist, während ich ahnungslos in die Glotze geguckt habe. Ich habe mir deshalb so große Vorwürfe gemacht. Daran habe ich immer und immer wieder denken müssen, dass ich mich nicht von ihr verabschieden konnte und in ihrer Todesstunde nicht bei ihr gewesen bin.
Leider war ihm nicht zu helfen. Eigentlich kenne ich es nur so, dass sich sterbenskranke Vögel zurückziehen, um Ruhe zu haben, aber dieses Vögelchen suchte geradezu verzweifelt meine Nähe. Ich musste es abends mit ins Bett nehmen, so schwach es auch war, es gab keinen Frieden, bevor es nicht ganz dicht bei mir sitzen konnte. Ich hatte mich dann zum Einschläfern entschlossen, es ging nicht mehr anders, sagte noch zu mir, "so, jetzt gehe ich mich duschen und dann muss es sein ..." Aber aus irgendeinem Grund hatte ich plötzlich das Gefühl, ich müsste noch schnell nach Sahra/Ruby sehen, obwohl ich es gerade zuvor schon getan hatte. Und Sahra/Ruby lag im Sterben. Sie starb in meiner Hand, es war schrecklich anzusehen und als sie tot war, lag sie so verkrampft in meiner Hand, wie ich ein Jahr zuvor meine Sahra gefunden hatte. Ich habe das erst mal verdrängt, aber später kam mir der unheimliche Gedanke, dass Sahra zurückgekehrt war, nur um sich von mir zu verabschieden, vielleicht wollte sie das genauso sehr wie ich.
Autorin des Sonderbeitrags: Anna Hellbig, Fotos © Jürgen Swaton und Dagmar Offermann
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