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Tagebuch eines kleinen Mauerseglers
Die dicken grünen Tiere, die ich schon seit Tagen mit mir herumtrug,
krabbelten mir über die Augen und saßen in meinem Nacken,
verkrochen sich geschickt in meinem Gefieder.
"Was soll das", schrie da auf einmal eine Frau und kam mit einer riesigen
Hand auf mich zu. Sie nahm mich sanft und setzte mich in eine Tasche. Es
rüttelte und schüttelte ganz gewaltig und die Stunden der Qual
waren vorbei. Laut pochte mein kleines Herz und ich fürchtete mich
so. Dann setzte sie mich in einen Karton. Ein funkelndes Teil fing an in
meinem Gefieder rumzusuchen und entfernte die drei riesigen Käfer.
"Würmer! Alles Würmer suchen, was Beine hat", rief die Frau und
eine Horde Kinder lief mit Löffeln und Gläsern tosend
durch das Haus. Nur wenige Minuten später hielt man mir einen
Regenwurm vor die Nase. Völlig ausgehungert sperrte ich so gut
es ging meinen Schnabel auf.
Alles juckte mich und es kribbelte und krabbelte überall. 'Was soll das' gab mir noch jede Menge zu trinken und setzte mich dann in den Karton zurück. Völlig ermattet schlief ich sofort ein ...
Eine lange Nacht habe ich hinter mir. Ganz einsam sitze ich in meinem
neuen Gefängnis. Schon früh am Morgen habe ich meine Augen
aufgemacht und versuche im Dickicht der Dunkelheit etwas zu erkennen.
Irgendetwas, was mir bekannt vorkommt. Nichts, es ist wie eine neue Welt.
'Was soll das' sagt, sie würde jetzt den Tierarzt anrufen.
Anscheinend tut sie das auch und sie redet von Milbenspray, Fettfutter
und Mehlwürmern. Ach, ich habe gar keinen Appetit, möchte nur
weiter schlafen. Fühle mich wohl so in ihrer Hand und mache erst mal
ein Häufchen auf sie drauf. Noch ein zweimal lasse ich die Prozedur
des Fütterns über mich ergehen und verweigere bis auf das Wasser
alles, was man mir anbietet.
Es scheinen Ewigkeiten vergangen zu sein, schreckhaft wache ich auf. 'Was
soll das' nimmt mich und setzt mich auf einen Tisch. Eine Spritze mit
Ameiseniiiiihigittigittbrei wird mir ums Maul geschmiert. Kleine
Krümelchen davon lecke ich mit meiner Zunge vom Schnabel. Aber weit
aufmachen will ich ihn nicht. Das schmeckt nicht so, wie ich es gewohnt
bin. Und außer ein bisschen Wasser nehme ich auch diesmal nichts an.
"PiepPiepPiep" ... Schon ganz früh am Morgen fange ich mein
'Gibmirendlichwaszuessen'-Lied an. 'Was soll das' ist noch im Nachthemd
und sieht noch ganz müde aus. Schlurfend kommt sie ins Zimmer und
öffnet meinen Käfig. Aber jetzt wird sie staunen. Ich habe mir
überlegt, sie zu meiner Mutter zu machen. Na ja, was soll's,
Hauptsache ich kriege endlich was zu futtern.
"Wie süß! Wie niedlich! Och, nee! Iiiiiihuiiiihuiiih!"
Gääääääähn, was bin ich müde. Ob ich noch mal bei ihr am Busen schlafen darf? Das ist ja sooo gemütlich. Ja, ich darf. Und eine gute Stunde mache ich ein feines Nickerchen. Eine Stunde genau und ich reiße meinen Schnabel weit auf und nuckle energisch an ihrer Hand. Endlich haben wir eine gemeinsame Sprache gefunden. Und sobald ich nuckle oder etwas heftiger piepse, wird mir das Futter gereicht. Ich halte sie ganz schön auf Trab, aber ihre Tochter hilft so gut sie kann. Füttern, wärmen, saubermachen. Im Stundentakt werde ich so verwöhnt. Wenn es mir so richtig gut geht und das Futter in meinem Kropf gelandet ist, dann mache ich jetzt immer ein feines Häufchen. Bevorzugt direkt auf 'Was soll das'. Sie trägt ständig andere T-Shirts. Mal hellblau, schwarz, blau oder grün, aber ich erkenne sie auch so. Piepen kann sie ja leider nicht, aber dafür gluckert sie mit mir. Ob sie denkt ich wäre eine Ente oder ein Huhn? Na, egal, wenn es ihr Freude macht, dann ist das schön. Ich werde jetzt noch einige Zeit bei ihr bleiben. Hoffentlich vertrage ich das Futter auch wirklich. Normalerweise soll ich Heimchen fressen, aber die gab's im Tierladen nicht. Dann esse ich eben Ameisen, Gammarus und andere Insektenlarven. PiepPiepPiep, Zeit für die nächste Fütterung ...
Jetzt werde ich den kleinen Kerl erstmal großziehen. Ich hoffe,
dass alles gut geht. Anschließend werden wir im Garten fliegen
lassen. Wie stand es doch auf einer Website sinngemäß -
"Die größte Freude, die du deinem kleinen Freund machen kannst, ist
ihn in die Freiheit fliegen zu lassen."
Mittlerweile haben 'Was soll das' und ihr 'Hallo' jede Menge Internetseiten durchwühlt. Die 'Mauersegler e.V.' hat sich meiner Sache ganz herzlich angenommen und Herr und Frau Mauersegler schreiben ihr jetzt ganz wichtige Mails. Da werde ich zum x-ten Male gewogen, falsch abgelesen, bei 17 Gramm für fast tot erklärt. Setz doch dieses Ding mit den Gläsern auf. Ich wiege 27 Gramm und jeden Tag wird es ein halbes Gramm mehr.
Die Frau matscht allerlei Sachen für mich zusammen. Tatar mit
Futtermischung und Zuckerwasser. Alles genau nach Vorschrift, nach
Mauersegler-Vorschrift. Die Mehlwürmer aus dem Zooladen hätten
mein Tod sein können, bohren die sich ja von innen nach außen
und hätten mich bei lebendigem Leib zerstört!
Samstag war dann ein ganz trauriger Tag. Ich hatte nämlich überhaupt keinen Hunger mehr. 'Was soll das' wedelte stundenlang mit meinem Futter vor meinem Schnabel hin und her. Ingesamt habe ich wohl so zehn Stunden bei ihr am Busen geruht. Ein nasses Salz rann ihr T-Shirt hinunter und sie sage ganz komische Dinge zu mir.
"Gleich hast du es geschafft" und "Schlaf schön ein, mein Kleiner".
Mehr, mehr, mehr ..., schrie ich sie an. Endlich hatte sie begriffen, was ich wollte. Mir war genauso heiß gewesen wie ihr. Und vorm Füttern flößte sie mir jetzt erst einmal Wasser ein. Das Futter hatte sie viel mehr mit Wasser verdünnt, und aaaaaaaah, flutschte das fein den Rachen hinunter.
Piep, piep, piep! Hör endlich mit Schreiben auf, ich habe Hunger.
Der Hund Felix und sein gespaltenes Verhältnis zu Mauerseglern ... Ich muss meine Knopfnase rümpfen. Dieser Gestank breitet sich in mir aus, schlägt mir auf die innersten Magenwände. Er piiiiiiiiieeeeeept den ganzen Tag und reizt meine Magensäfte. Immer, wenn Frauchen mal nicht in der Küche ist, dann giere ich mit meinen Blicken in seinen Käfig hinein. Wusstet ihr, wie viel und wie oft so ein kleiner schwarzer Käfer essen muss. Mein Frauchen stand anfangs stundenlang in der Küche rum und rührte seltsame Mixturen an. Voll Ekel anfangs noch schüttelte sie sich und pulte sich stundenlang die Viecher wieder unter den Nägeln vor. Ja, und dann war Babysitten angesagt. Stundenlang saß dieses Teil auf meinem Frauchen und, pssst, kackte sie auch noch voll! Wisst ihr, wie empfindlich so eine kleine Hundenase darauf reagiert? Aber das schwarze Teil da, das hätte ich doch zu gerne mal zum Spielen gekriegt. Sieht aus wie ein Federwuschel und wenn es satt ist, dann kriecht es bei Frauchen in den Nacken und schläft da. Ppppph, das will ich nicht.
Ich mache mein herzlichstes unverfänglichstes Gesicht und lege ihr
treu meine Pfote auf ihr Bein. Halbseitig mehr hängend als liegend,
kuschele ich mich an Frauchen ran. Vielleicht kann ich ja so den Stinker
erreichen.
Meine arme Nase, lange halte ich das nicht mehr aus. Und jetzt wird der auch noch gebadet, in meinem Futternapf! Jawoooohl, in meinem schönen roten Napf! "Geh raus da!", möchte ich sagen, aber ich belle wie blöde und sie versteht mich nicht. Sie versteht mich überhaupt nicht mehr. Ich mache mein dümmstes Gesicht und schlecke ihr die Ameiseniiiiiihigittigiittttpaste von den Fingern. Jetzt lacht sie. Ja, toll. Wenn du wüsstest, dass ich das nur aus Berechung mache. Vorbei die Zeiten, als man mich morgens mit einem Leberwurstbrot weckte. 'PiepPiepPiep' kriegt ja schon um sieben seinen Schlabberbrei um die Ohren und den Schnabel geschmiert. Grmmmmpf, es wird Zeit, dass mein Spider wiederkommt. Da gibt es wenigstens was Anständiges zwischen die Zähne. Schnitzel, ja das ist was für richtige Männer wie uns ... Der Mauersegler hat zehn Gramm zugenommen und es trennen ihn nur noch acht Gramm von der Freiheit! :)))))))))))))))) Mein lieber kleiner Piep ... Genau zehn Minuten ist es her, seit ich dir die Freiheit gegeben habe. Ich bin völlig aufgelöst, mache mich schreckliche Sorgen um dich. Dicke Tränen rollen mir übers Gesicht ... Kaum hattest du die Freiheit gesehen, fingst du auf meiner Schulter wie wild an mit deinen wunderschönen Schwingen zu schlagen. Ach, mein kleiner Piep, ich hoffe du schaffst es. Flieg nach Afrika und komm zurück. Ich habe so Angst, dass du mir verhungerst, den langen Weg nicht schaffst ... Glaub mir, mein kleiner Freund, ich hätte dich so gerne hier behalten, aber das wäre kein Leben für dich gewesen. Keine zwei Minuten hat der Abschied gedauert ... Ich werde mir das Bild ganz tief drin irgendwo in meinem Herzen eingraben. Wie du den ersten Flugversuch machtest und sanft im Gras landetest. Ganz aufgeregt warst du und hattest mich im gleichen Moment vergessen. Der dritte Versuch und du startetest wie ein Gleitflieger, der noch nie irgendetwas anderes getan hat als Segeln. Mein lieber kleiner Piep. Ich denke, es war richtig so. Auch wenn ich jetzt die bittersten Tränen weine. Heute Morgen schon wolltest du nicht mehr fressen, und ich wusste es ist Zeit. Schau mal, und ich werde immer an dich denken, wie du deinen kleinen Schnabel ganz weit aufgerissen und genuckelt hast wie ein Baby. Ja, zum Schluss warst du ein Vielfraß. Hast gefressen wie ein Ferkelchen, konnte gar nicht schnell genug gehen mit dem Nachschub. Ich werde dich ganz dolle vermissen, mein Kleiner ...
Hab schwindelnde Höhen gesehen,
Breite meine Schwingen aus .......... ,
Mein Leben ist die Freiheit,
Thermische Winde ............., Und nun weine nicht mehr um mich! Autorin des Sonderbeitrags: Angelika Blum, das Bild ganz oben hat ihr Sohn Philipp zum Abschied von Piep gemalt.
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