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Matjes - eine Erfolgsstory (3)
Die vierte Lebenswoche.
Häufig sieht man ihn nun sich putzen. Er zupft an den Federkielen weißen Schorf und alles scheint fürchterlich zu jucken. Sein Gefieder wird gründlich imprägniert, indem er immer wieder mit dem Schnabel über die Talgdrüse an seinem Hinterteil fährt. Im Garten finden sich um diese Jahreszeit Holunderbeeren, deren Dolden mit reifen Früchten wir hier neben das Futter in den Boden steckten. Sein Futterplatz ist in unmittelbarer Nähe des Amselnestes, das von Elvis und Elvira II bebrütet wird. Komisch, ich gehe immer noch davon aus, dass Elvis der Vater von Matjes ist und manchmal begegnen sich die beiden oben im Efeu und sitzen sich dann minutenlang schweigend gegenüber ... Auf jeden Fall sucht Matjes die Nähe des großen schwarzen Vogels mit den weißen Augenbrauen. Regenwurmalarm.
Merkwürdigerweise waren Mehlwürmer mittlerweile seine Lieblingsspeise. Da konnte er mal eben bei einer Fütterung bis zu zwanzig vertilgen und dann noch eine halbe Erdbeere und fünfzehn Beoperlen und etwas Katzenfutter. Nur, wenn ich versuchte zwischen Obst und Beoperlen einen kleinen Regenwurm zu schmuggeln, dann nahm er mir das ganz fürchterlich übel. Ich bekam über das damals noch existierende Wildvogelhilfe-Forum eine E-Mail von Constanze, die ebenfalls eine Amsel aufzogund die mir berichtete, dass ihr Merlotto auch nicht mehr so doll auf Regenwürmer steht. Dies beruhigte mich etwas. Mit Constanze konnte ich auch noch andere, für uns beide unerklärliche Verhaltensweisen aufklären. So hatten beide Vögel die Eigenart manchmalund zwar ganz plötzlich, minutenlang in eine seltsame Starre zufallen und schmerzhaft hohe, lang anhaltende Piepstöne von sich zu geben. Dabei sitzen sie vorzugsweise auf dem Bauch. Constanze meinte, sie würden vielleicht Kontakt mit extraterrestrischen Amseln suchen - zumindest sah es so aus und wir wussten nun, dass es wohl vollkommen normal ist. Bei Matjes hatte ich sowieso den Eindruck, dass er häufig bestimmte Situationen einfach nur übte. Manchmal rannte er wie von der Tarantel gestochen während der Fütterung plötzlich fort. Nach etwas Geschimpfe kam er aber bald wieder. Einmal traf ihn an einem heißen Tag ein Sonnenstrahl, der ihn förmlich "zu Boden zwang". Er ließ sich auf den Bauch nieder und spreizte seine Flügel ganz weit während er den Kopf etwas schräg hielt und den Schnabel leicht öffnete. Sah beängstigend aus, war aber nur eine Übung, die er sich wohl bei Elvis abgeguckt hatte. Dem armen Kerl machte die Hitze nun wirklich zu schaffen und er versuchte sich so etwas Kühlung zu geben. Außerdem soll Sonnenbestrahlung für das junge Gefieder wie Vitamin wirken. Ohne es zu wollen war Elvis ein guter Lehrmeister. Matjes lernt sehr viel von ihm, wenn er auch manchmal vielleicht noch nicht weiß wofür. So wird er wahrscheinlich erst nächstes Jahr begreifen, dass es praktisch ist, fünf Mehlwürmer gleichzeitig im Schnabel zu halten, wenn er dann selber seine eigenen Jungen füttern muss. Andererseits wird er durch den Kontakt mit den anderen auch immer scheuer, zumal die zwei neuen kleinen Amseln nun auch den Garten bevölkern und es insgesamt sehr unruhig wird. Elvis hat alle Schnäbel voll zu tun. Merkwürdigerweise sehen wir nicht seine Elvira IIund bald ist auch der zweite Jungvogel nicht mehr zu sehen ... Elvis füttert nun das übriggebliebene allein.
Ich habe gegen Ende seiner vierten Lebenswoche den Futterplatz auf den Komposthaufen verlegt. Hier üben wir das Erlegen von Schnecken und Kellerasseln und das Aufstöbern von sorgsam versteckten Mehlwürmern. Das klappt auch schon recht prima. Mit der Pinzette klopfe ich in schnellem Stakkato auf die Erde und wühle ein bisschen. Magisch angezogen folgt er mir und scharrt mit den Füßen und pickt mit dem Schnabel, wobei er dem Tempo der Pinzette folgt: je schneller desto lieber. Dies bereitet ihm grosse Freude. Auch wird er zusehends selbstsicherer, so leistet er sich sogar eine kleine Prügelei mit Elvis, der sich in einem schwachen Augenblick schnell ein paar Beoperlen vom Futterplatz klauben wollte. Ich schöpfe wieder Hoffnung, nicht zuletzt durch Trost und gute Ratschläge vom Wildvogelhilfe-Forum. Der Kleine ist im Augenblick in einer Lernphase und macht mir alles nach. Wenn ich meine Arme hektisch auf und ab bewege, macht er auch Turnübungen mit seinen Flügeln. Packe ich mit der Pinzette kleinere Steinchen, fängt Matjes auch an kirschsteingroße Felsen aus dem Weg zu räumen. Und dann etwas ganz erstaunliches: als ich mit der Pinzette in seinem Wassertrog Wellen schlage, um ihn zum Trinken zu animieren schaut er sich das eine Weile mit schrägem Kopf an und flattert dann quer durch den Garten zum fünfzehn Meter entfernten Badeteller, um ein Vollbad zu genießen. Ich kenne Hunde, die diese Leistung nicht erbringen. Fotos © Hilu Lalic, Autorin des Sonderbeitrags: Hilu Lalic
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