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Wurm, Weib und Gesang - was Brehm 1902 über die Amsel wusste
Die Amsel, ein scheuer Waldvogel? Brehm
schreibt vor hundert Jahren dazu:
"... noch im Jahre 1830 beschreibt ein gewisser Gloger
die Amsel als einen 'sehr schüchternen, versteckt und einsam
lebenden Waldvogel, der sich nie ohne Not ins Freie begebe
und sich fast niemals auch nur auf einem höheren Baum zeige.'
Die Waldvögel gebliebenen Amseln werden auch heute noch
durch diese Schilderung trefflich gekennzeichnet, nicht
mehr aber die immer wachsenden Scharen derjenigen, die
allmählich in die Parks, Gärten und Anlagen bis inmitten
der Ortschaften eingedrungen und hier vollständig heimisch
und zu vertrauten Gästen der Menschen geworden sind."
Kleiderordnung
"Das Gefieder des alten Männchens ist gleichmäßig
schwarz, die Iris braun, der Augenlidrand hochgelb, der
Schnabel orangegelb, der Fuß dunkelbraun. Beim alten
Weibchen ist die Oberseite mattschwarz, die Unterseite auf
schwarzgrauem Grund durch lichtgraue Saumflecke gezeichnet;
Kehle und Oberbrust sind auf gleichfarbigem Grunde weißlich
und rostfarben gefleckt, der Schnabel graubraun. Das
Jugendkleid zeigt oben auf schwarzbraunem Grunde rotgelbe
Schaftflecke, unten auf rostfarbigem Grunde bräunliche
Querflecke. Die Länge ist ca. 24cm."
Intelligente Luftakrobaten
"Alle Drosselarten [also auch die Amseln] sind
begabt, feinsinnig, bewegungsfähig, gewandt, sangeskundig,
munter und unruhig, gesellig, aber keineswegs friedfertig.
Vom frühen Morgen an bis zum späten Abend sieht man sie fast
ununterbrochen beschäftigt; nur die Glut des Mittags lähmt
einigermaßen ihre Tätigkeit. Auf dem Boden hüpfen sie
absatzweise mit großen Sprüngen gewandt umher; bemerken
sie etwas auffälliges, so schnellen sie den Schwanz nach
oben und zucken gleichzeitig mit den Flügeln nach unten.
Im Gezweige hüpfen sie rasch und geschickt; größere
Entfernungen überspringen sie, indem sie die Flügel zu
Hilfe nehmen. Der Flug ist vortrefflich. Aufgescheucht
flattern sie in täppischer Weise über den Boden dahin;
aber dieselben Vögel streichen, sobald sie sich in eine
gewisse Höhe erhoben haben, mit außerordentlicher
Schnelligkeit durch die Luft."
Hören und Sehen
"... unter den Sinnen sind Gesicht [Augen]
und Gehör hoch entwickelt. Sie nehmen selbst das
kleinste Insekt auf weite Entfernungen wahr und erkennen,
wenn sie in hoher Luft dahinziehen, die Gegenstände tief
unter sich auf das genaueste; sie hören Töne nicht nur
sehr scharf, sondern unterscheiden sie auch genau. Im
Garten und im Wald werden sie zu Warnern, auf die auch
fremdartige Vögel, ja sogar Säugetiere achten. Alles
Auffallende, Ungewohnte, Neue erregt ihre Aufmerksamkeit.
Sie kommen mit ausgesprochener Neugier herbei, um einen
Gegenstand, der sie reizt, besser ins Auge zufassen,
halten sich aber stets in angemessener Entfernung."
In netter Runde
"Geselligkeit scheint den Amseln ein Bedürfnis
zu sein. Sie sind keineswegs friedfertig, geraten vielmehr
recht häufig in Streit; aber sie können nicht voneinander
lassen. Sie vereinigen sich nicht bloß mit anderen derselben
Art, sondern mit allen Drosseln überhauptund es kann
geschehen, dass Individuen verschiedener Arten lange Zeit
zusammenbleiben und reisen."
Sängerknaben und Mädel
"Der Amselgesang steht dem der Singdrossel kaum nach,
hat mehrere Strophen, klingt aber nicht so fröhlich, sondern
eher feierlicher oder trauriger als der ihrer begabten
Verwandten. Ihr Lied ist inhaltsreich, wohl- und
weittönend. Mit den flötenden Lauten wechseln allerdings
auch schrillende, minder laute und nicht sehr angenehme
Töne ab; aber die Anmut des Ganzen wird dadurch nicht
beeinträchtigt."
Speisekarte
"Die Nahrung besteht aus Insekten, Schnecken und Würmern,
im Herbst und Winter auch aus Beeren. Alle Drosselarten
nehmen erstere vom Boden auf und verbringen hier deshalb
auch täglich mehrere Stunden. Sie fliegen auf Wiesen und
Felder, an die Ufer von Flüssen und Bächen und anderen
Nahrung versprechenden Orten. Es wurde beobachtet, dass
Amseln, wie auch Grünspechte, in Ameisenhaufen Löcher
graben, um an die weißen Larven zu gelangen. Nicht bloß
mit dem Schnabel, sondern auch mit den Füßen, indem sie
wie Hennen scharren. Sie können sogar Gartenschnecken an
bestimmten Steinen zerschlagen, um an das Innere zu
gelangen. Beeren und Früchte behagen ihnen sehr, wobei
die Vorlieben verschieden sein können. Außerdem verzehren
alle Drosselarten Erd-, Him-, Brom- und Johannisbeeren,
rote und schwarze Holunderbeeren, Preisel-, Faulbaum-,
Kreuzdorn- und Ebereschenbeeren, Kirschen, Mirabellen,
Weinbeeren usw., wodurch sie in Gärten sehr lästig werden
können."
Kind und Kegel
"Die Amsel nistet in den Dickichten, am liebsten auf
jungen Nadelbäumen und immer niedrig über dem Boden,
zuweilen selbst auf ihm. Das Nest ist nach dem Standort
verschieden. Wenn es in Baumlöcher mit großer Öffnung gebaut
wird, wie es auch wohl vorkommt, ist es nur ein Gewebe von
Erdmoos und dürren Halmen. Wenn es frei steht, bilden feine
Würzelchen, Stängel und Gras die Außenwände, eine Schicht
feuchter Erde die Innenseite. Bisweilen ist das Nest
nichts anderes als eine gescharrte Delle ohne eine Spur von
Auslage. Bei sehr günstigem Wetter findet man bereits um
die Mitte März 4 - 6 auf blassgrünem Grunde mit hell
zimt- oder rotfarbigen Flecken und Punkten bedeckte Eier.
Das zweite Gelege pflegt Anfang Mai vollzählig zu sein. In
manchen Jahren brütet das Paar dreimal. Das Weibchen wird
nur in den Mittagsstunden vom Männchen abgelöst; beide
Eltern aber pflegen ihre Brut aufs Zärtlichste und
gebärden sich überaus ängstlich, wenn ein Feind dem Neste
naht."
Angriff mit List und Tücke
"Sogar den Angriff auf die Feinde ihrer Brut scheuen
die Amseln nicht, indem sie mutvoll auf jene herabstoßen
oder, um sie zu schrecken, dicht an ihnen vorbeifliegen.
Fruchtet Mut nicht, so nehmen sie ihre Zuflucht zu
instinktiver List, stellen sich krank und lahm und flattern
auf dem Boden dahin, locken den Räuber, der sich betören
lässt, dadurch wirklich vom Neste ab, führen ihn weiter
und weiter und kehren dann frohlockend zu den Jungen
zurück. Nach einer 10 -14 tägigen
Bebrütung sind die Eier
gezeitigt und schon drei Wochen später die Jungen, die
vorzugsweise mit Insekten aufgefüttert und reichlich
versorgt werden, flugfähig."
Abbildung © Sasha Lalic, Autorin des Sonderbeitrags:
Hilu Lalic
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