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Wie ich auf Vögel geprägt wurde: Die Geschichte von "Linse" Dies ist meine ganz persönliche Geschichte darüber, wie ich für alle Zeiten "auf Vögel" geprägt wurde.
Ich hatte natürlich keinerlei Ahnung, wie man mit so einem kleinen Kerlchen umgeht, aber ich kümmerte mich mit aller Liebe und Hingabe um ihn, nachts schlief er neben mir auf dem Kopfkissen. Nach einer Woche, früh am Morgen, starb der kleine Spatz. Ich hielt ihn in seinen letzten Minuten in meiner Hand und weinte herzzerreißend. Meine Mutter hatte keine Zeit, sich um mich und den toten Spatzen zu kümmern, sie musste zur Arbeit. Ich hockte auf dem Boden mit dem Vogel in der Hand und heulte und heulte. Nach einiger Zeit kam die Nachbarsfrau, die einen Wohnungsschlüssel von uns besaß und fragte mich besorgt, was denn um Himmels willen los sei, dass ich das ganze Mietshaus zusammenheulte. Ich erklärte es ihr, worauf sie verständnislos die Achseln zuckte und erwiderte: "Ach so, und ich dachte schon es wäre etwas Schlimmes passiert. Na, dann beeil dich mal, damit du nicht zu spät in die Schule kommst!" Ich trauerte lange um dieses Spätzchen, so lange, dass sich die Erwachsenen fragten, ob das denn noch "normal" sei. Ich musste leider feststellen, dass mich eigentlich niemand verstanden, kein Erwachsener und kein Kind. Zu allem Überfluss musste ich mit ansehen, wie die hexenähnlich Hauswartsfrau das von mir liebevoll gestaltete Vogelgrab auf dem Hinterhof zerstörte und die kleine Leiche, Verwünschungen zischelnd, in die Mülltonne warf. Das war meine unglaublich traurige erste Erfahrung mit einem Vogel und ich denke, so verschieden wie die Menschen sind, so unterschiedlich wären die Reaktionen auf ein solches Erlebnis. Manch ein Kind hätte daraufhin vielleicht die Einstellung entwickelt: "Vögel? - NIEMALS MEHR!" Ich hingegen kann seit diesem Sommer die Augen und die Finger nicht mehr von Vögeln lassen. Ich bin auf Vögel "geprägt"!
Als Linse fliegen lernte, verletzte er sich einen Flügel und konnte in der Folge nur noch flattern oder ganz kurze Strecken per Flügel zurücklegen. Für Linse lernte ich es, Regenwürmer zu "ziehen" und hatte bei dieser Tätigkeit immer rege Unterstützung von Kindern aus der Nachbarschaft. So viele Regenwürmer, wie "gezogen" wurden, mochte Linse dann gar nicht essen.
Ich fütterte Linse mit Hilfe eines Holzstäbchens. Das war zwar umständlich, aber eine handelsübliche Pinzette wollte ich wegen der scharfen Ecken nicht verwenden. Eines Morgens beim Füttern passierte etwas Schreckliches: Linse riss mir das Futterstäbchen aus den Fingern und schluckte es hinunter! Ich war starr vor Angst und befürchtete das Allerschlimmste - meine Linse, mein geliebtes Vögelchen würde nun sterben. Nach einer Weile guckte Linse nachdenklich, reckte das Hälschen mit geöffnetem Schnabel und würgte das Futterstäbchen heraus. Ich war überglücklich. Linse hat mir auch unmissverständlich beigebracht, wie wichtig es sein kann, die Augen vor neugierigen Schnäbeln zu schützen: Ich hielt Linse auf meinem Finger, ganz dicht vor dem Gesicht und "unterhielt" mich mit ihm und hatte plötzlich seinen Schnabel im Auge. Das tat höllisch weh, aber Linse hatte nur den inneren Augenwinkel erwischt. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn er mich mitten ins Auge gepiekt hätte.
Ganz brav saß Linse in den Schulstunden in einem Käfig auf der Fensterbank, döste, träumte und lauschte den ungewohnten Geräuschen. Wenn ich Linse in den Pausen fütterte, war ich umringt von meinen Mitschülern und alle lernten Biologie praxisnahe, die mutigsten reichten Linse auch mal einen fetten Regenwurm. Einmal bemerkte ich morgens, dass Linses Rachen ungesund knallig rot aussah und sein Stimmchen nur ein heiseres Krächzen war. Ängstlich suchte ich mit Linse den nächstgelegenen Tierarzt auf, ohne zu wissen, dass ich an einen "Promi-Tierarzt" geraten war. Die Praxis lag in einer Seitenstraße des Kurfürstendamms. Die Wände des Wartezimmers waren mit Fotos freundlich lächelnder Promis mit ihren Hunden, Katzen und Papageien geschmückt. Mich beeindruckte das alles nicht, ich war allerdings ziemlich stolz, als der Tierarzt mich ausführlich lobte, wie fürsorglich und umsichtig ich mich um Linses Wohl kümmerte und das alles ganz alleine! Linse bekam ein Pülverchen und zum Glück war er bald darauf wieder gesund. Seit meinen Tierarztbesuchen wusste ich natürlich, dass ich Tierärztin werden würde.
Wenn meine Geschwister mich ärgern wollten, nannten sie Linse "Geierwally", was mich fuchsteufelswild machte. Im folgenden Frühjahr legte sich Linse eine wunderschöne "Matte" zu und von nun an war es vorbei mit "Geierwally". Wie bereits erwähnt, konnte Linse nicht fliegen. Wir wohnten in einer sehr ruhigen Gegend mit vielen Schrebergärten und wenn ich zum Spielen hinaus ging, nahm ich Linse mit. Er saß in den Fliederbüschen oder lief über die Wiesen, meist hockte er aber auf meiner Schulter. Linse war sehr zahm, er war "mein" Vogel, für mich war das damals in Ordnung so und ich vermutete nicht, dass Linse etwas fehlen könnte. Linse war sicher nicht unglücklich bei mir, aber er konnte nicht leben, wie es seiner Art entsprochen hätte. Wenn er auf dem Balkon saß in der Abenddämmerung und sein trauriges Amsellied sang, dann sehnte er sich möglicherweise nach einem Leben, dass er nicht kannte. Autorin des Sonderbeitrags: Anna Hellbig, Fotos © Jürgen Swaton und Dagmar Offermann
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