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Eine seltene Gattung: Küchentauben
Was ich dann zu Gesicht bekam, waren zwei unbeschreiblich häßliche, igelähnliche Geschöpfe von überraschender Größe. Nach eingehender Inspektion stufte ich sie erst einmal in die Kategorie "Tauben" ein und nahm sie mit nach Hause. Ein alter Nymphensittichkäfig mit einer knallgelben Blumenschale darin wurde ihr neues Zuhause, welches sie ohne Murren sofort akzeptierten. Das nächste Problem ließ sich allerdings nicht so einfach lösen: Was fraßen diese Miniaturmonster? Über telefonische Umwege erreichte ich einen Taubenzüchter, der nicht so ganz verstand, warum ich mir diese Findelkinder eigentlich aufgehalst hatte. Zu guter Letzt riet er mir dann, morgens und abends die beiden Kröpfe mit Erbsen, Mais und Getreide vollzustopfen. Eine gründliche Durchsuchung meiner bescheidenen Vorräte brachte immerhin eine angefangene Tüte mit Kichererbsen vom letzten Urlaub und etwas Reis zu Tage. Nachdem ich Beides in Wasser eingeweicht hatte, nahm ich eines der Taubenkinder heraus und stellte zunächst einmal fest, dass der Schnabel überaus weich und verletzungsgefährdet war. Wie ich dann im Laufe der Zeit herausfand, musste der Taubenschnabel immer mit sanfter Gewalt geöffnet und so festgehalten werden, während die andere Hand versuchte, etwas Freßbares hineinzustopfen. Von selbst machten die Taubenkinder keinerlei Anstalten, den Schnabel zu öffnen, jedoch wußten sie bald, dass meine Finger mit der Nahrungsaufnahme zusammenhingen und drückten stets unter Flügelschlagen und kläglichem Fiepen ihre Schnäbel gegen meine Hand. Die Tauben und ich erwiesen uns durchaus als lernfähig, und schon nach zwei Tagen hatten wir die Fütterungszeremonie voll im Griff. Ein Besuch in einem Reformhaus öffnete ungeahnte Möglichkeiten. Jedesmal schleppte ich andere Tüten mit Hülsenfrüchten und allen denkbaren Getreidesorten nach Hause, um möglichst viel Abwechslung auf den Speiseplan zu bringen. Die Tauben schluckten, solange ich sie fütterte, alles herunter, was ihnen in den Schnabel gestopft wurde. Um ihnen auch Mineralien, Kalk und Vitamine zuzuführen, mischte ich etwas Vitakalk, Vogelsand und Vitaminpulver (Korvimin) und wälzte darin eingeweichte Beoperlen, die dann den Tauben einverleibt wurden. Wasser tranken sie aus einer Pipette. Zu meiner Überraschung gediehen beide Tauben prächtig und nachdem sie Federn bekommen hatten, sahen sie sogar recht ansehnlich, wenn auch grau, aus. Um sie allmählich dazu zu bewegen, selbst zu fressen, streute ich alle möglichen Körnersorten, Zuckermais und Erbsen aus und beobachtete sie beim Picken. Interessanterweise pickten sie immer zuerst die größten Körner auf, schluckten sie jedoch nicht herunter. Gefressen wurde lediglich Vogelsand, inklusive Grit, und Zebrafinkenfutter. Aus einer Fünfkornmischung wurde immer fein säuberlich die Hirse herausgepickt, der Rest wurde verschmäht und nur gefressen, wenn er von mir intraschnabelös verabreicht wurde. Sehr beliebt waren Sträuße aus Klee und anderem Grünzeug, welche unter Zerrupfen fast vollständig aufgefressen wurden. Der Übergang vom Gefüttertwerden zum Selbstfressen war sehr fließend und dauerte mehrere Wochen. Selbst, als die Tauben sich völlig allein ernähren konnten, wurde bei meinem Anblick immer mit den Flügeln geschlagen und gefiept, später gegurrt. Nie zuvor sind mir liebenswürdigere Tiere als diese beiden Tauben begegnet.
Irgendwann hatte ich mich geschlagen gegeben. Die Küche war ihr Reich. Mir blieb nichts, als mich auf die Sachen zu beschränken, an die die Küchentauben nicht herankamen und ansonsten ihnen ihr Reich zu überlassen. Kam ich abends nach Hause, versicherte ich mich als erstes, dass die Tauben wohlauf waren und begutachtete dann das Schlachtfeld. Zum Alptraum wurde die Vorstellung, es könnte unverhofft klingeln und jemand meine Küche betreten, bevor nicht alle Spuren beseitigt waren. Selbst die täglichen Reinigungsaktionen waren für die Tauben eine willkommene Abwechslung, denn dann konnte man in einem unbeaufsichtigten Augenblick die Küche verlassen und im Wohnzimmer die Sittiche erschrecken.
Nach zwei Wochen öffneten wir schließlich die Voliere und nachdem die Neugier gesiegt hatte, flogen sie erst einmal davon. Wir waren überrascht, wie gut sie fliegen konnten. Immer wieder kommen sie nun sporadisch zum Fressen und irgendwann werden sie wohl ihre Zeit als Küchentauben vergessen haben. Autorin des Sonderbeitrags: Anke Poggel Dieser Beitrag ist im September 1999 in Form eines Artikels in der Fachzeitschrift Gefiederte Welt erschienen.
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