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Diese Geschichte ist keine Anleitung zur Aufzucht, Ernährung und
Haltung von Wildvögeln! Lesen Sie zu diesen Themen bitte unsere
entsprechenden Kapitel! Es handelt sich bei diesem Text um subjektive
Erfahrungsberichte, die durchaus Fehler enthalten können.
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Gulliver, der kleine Grünling
18.07.1997
Er ist ein Grünling, man sieht's an dem Hauch von gelblichen
Finkenstreifen, die sich schon zart in Dunen und Federchen
abzeichnen, ca. 13 Tage alt. Gefunden wurde er auf einer befahrenen
Straße im Neubaugebiet neben einem toten Geschwister. Er hat
noch das "Greisenköpfchen", die grauweißen Babydaunen,
flattert aber schon etwas und blickt munter und vergnügt in
die Welt. Der Tierarzt hatte ihn schon telefonisch angekündigt,
aber nicht gesagt, was er ist, Körner- oder Weichfresser.
Deshalb habe ich schon mal eine "Notmischung" aus Magerquark und
gekochtem Eigelb vorbereitet, in die ich jetzt noch gemahlene
Sonnenblumenkerne und Müsli rühre. Als Erstversorgung mag
dieser Brei durchgehen. Es zeigt sich jedoch bald, dass es
völlig egal ist, was ich da zusammengebraut habe, denn er will
es nicht. Ich lade den Brei auf eine Pipette, auf ein
Wattestäbchen, auf ein Hölzchen, fasse ihn mit einer
Pinzette. Der Kleine dreht den Kopf weg - er will nicht.
Ich piepse, ruckle mit der Hand, auf der er sitzt, tippe an sein
Schnäbelchen, weiß ich doch nicht, auf welche Weise die
Eltern die Fütterung ankündigen. Offensichtlich auf keine
der von mir praktizierten. Darüber vergeht der Tag. Ein
Tropfen Wasser ist alles, was ich in ihn hinein bringe. Die Nacht
verbringt der Kleine in einem Bastkörbchen, weich
ausgepolstert, in einer Schachtel.
19.07.1997
Umzug in einen Vogelkäfig. Das nun schon vertraute
Bastkörbchen steht inmitten von Gräsern und Zweigen, ein
goldgelbes Seidentuch verhindert, dass das Gitter angeflattert wird
und schafft eine sanfte Stimmung. Nun wollen wir
frühstücken. Wir? Ich will, er nicht. Ich piepse,
ruckle ...
Nichts! Ein Wassertröpfchen, das hatten wir doch gestern
schon ... Hellwach sitzt er auf meiner Hand, lässt sich
umher tragen, lernt Balkon und Garten kennen, hört die
Vögel - und dreht den Kopf weg, wenn ich mit Futter komme.
Wenn er nicht frisst, wird er sterben. Zwei Tage ohne Futter
für so ein winziges Vögelchen! Ich bin ratlos und
verzweifelt. Der Tag ist um, ein paar Tropfen Wasser mit
Traubenzucker hat er mir abgenommen, mehr nicht. Morgen muss etwas
passieren!
20.07.1997
Das interessiert blickende Sorgenkind auf der Hand gehe ich zu
Stephan und Harry, unseren Wellensittichen, setze mich, versuche
es wieder mit dem Futter, der Kleine dreht den Kopf weg, er will
einfach nicht! Er nicht, aber Stephan und Harry wollen. Sie kommen
auf meine Arme, picken nach dem Futter ... Das geht ja nun nicht!
Plötzlich sperrt mein Zwerglein und will auch. Er frisst
hungrig. Danke, Stephan und Harry. Neben den beiden sieht der
Fink so klein aus, Gulliver bei den Riesen. Nun hat er also einen
Namen.
Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen, ich nutze die Zeit zum
Studium. Grünlinge füttern ihre Jungen fast
ausschließlich vegetarisch, das ist sehr selten, bekommen
doch normalerweise auch die Jungen der Körnerfresser in ihrer
Nestlingszeit Insekten und Räupchen. Nicht so die
Grünlinge, "die Eltern geben einen sämigen Brei aus
Körnern". Gut, kann er haben, den sämigen Brei.
21.07.1997
Schon früh am Morgen schallt mir Gullivers Bettelgeschrei
entgegen, Musik in meinen Ohren. Wenn er meiner (oder des Futters?)
ansichtig wird, wird aus "pieeeep, pieeep, pieeep" ein
"PIEPIEPIEPIP", dazu schlägt er begeistert mit den kleinen
Flügeln. Zum Füttern verwende ich eine Pipette. Sie hat
den Vorteil, dass ich gleich noch einen Schluck Kamillentee geben
kann, damit's besser rutscht.
22.07.1997
Es ist eine Freude, wie er frisst. Er tanzt aufgeregt auf der
Sitzstange umher und reißt den Schnabel auf. Auch kommt er
mir entgegen gestürzt. Das Auf-die-Hand-Nehmen dauert ihm zu
lang; gut, bekommt er sein Futter halt im Käfig. Nach der
Fütterung zieht er sich brav ins Bauer zurück,
schläft eine Runde. Ich habe Körner auf den Boden
gestreut, sie werden aber noch nicht beachtet.
23.07.1997
06:30 Uhr ist er wach, wartet schon schreiend auf seine
Müsli-Sonnenblumen-Raps-Lein-Vitamin-Mineral- Sand-Mehrkornbrei-Mischung. Wir ziehen
jetzt ein Wattestäbchen vor, darauf haftet das Futter besser
als auf der Pipette. Die ist nur noch für den Kamillentee mit
etwas Heilerde. Nach dem Fressen putzt sich Gulliver und knispelt
etwas am Knöterich herum.
für den Nachmittag ist Freiflug geplant. Wir gehen erst mal
in die Pilze. Als wir nach zwei Stunden heimkommen, ist das
Bettelgeschrei unüberhörbar. Zeit, etwas Neues zu lernen.
Ich gebe ihm den Brei nicht in den Schnabel, sondern schmiere ihn
auf die Sitzstange. Kurze Verblüffung, dann erste Pickversuche.
Gut!
Freiflug! Stress! Stephan will dem Kleinen zu gern am Schwanz
ziehen. Alle paar Minuten steige ich auf den Stuhl, schiebe meine
Hand dazwischen. Dann hilft mir Harry, schiebt sich zwischen
Stephan und den Babyfinken, lenkt Stephan durch Schmusen ab,
notfalls auch durch einen Schnabelhieb. Der Kleine klettert,
flattert auch einige Zentimeter, lässt sich leicht fangen,
schläft erschöpft.
26.07.1997
Gulliver hat gelernt, Kamillentee aus einem Näpfchen zu
trinken und Futterhäufchen von der Stange zu picken. Er
beginnt auch schon, Körner vom Boden aufzunehmen. Er wartet
schon immer auf den Freiflug, der jetzt das Wort Flug auch
tatsächlich schon verdient. Das Einfangen wird immer
schwieriger.
27.07.1997
Salat fressen alle drei gern. Heut ist es trüb, alle
Vögel sitzen in gedämpfter Stimmung herum.
28.07.1997
Neben den bisherigen Käfig habe ich den geräumigen
Papageienkäfig gestellt, Tür an Tür, so dass
Gulliver hin und her kann, wenn ich mal keine Zeit für
Aufsicht habe. Gestern musste ich ihn in Freiheit einschlafen
lassen, weil er sich einfach nicht mehr fangen ließ. Ich habe
ihn dann im Dunkeln gefasst und in sein Bauer gesetzt. Er wachte
sofort auf, schrie Zeter und Mordio und zappelte wie wild. Er tat
mir so Leid.
Gulliver frisst jetzt alles, was seine Freunde Stephan und Harry
fressen, nur noch morgens seinen Brei. Stephan ärgert ihn auch
nicht mehr, er bekommt ihn auch gar nicht mehr.
28.07.1997
Oft hängt Gulliver an der Fenstergaze und guckt in den Garten.
Den Babyflaum hat er abgelegt, die gelben Finkenstreifen sind gut
zu erkennen.
31.07.1997
Gulliver besucht mehrmals täglich den mit Futter reich
versehenen Käfig von Stephan und Harry. Woanders schmeckt's
immer besser.
06.08.1997
11:00 Uhr, herrliches Wetter - das ist der rechte Zeitpunkt!
Zufällig sitzt er im Käfig seiner Freunde. Na, wunderbar,
muss ich ihn nicht fangen! Tür zuund schon steht er auf dem
Balkon. Nach einiger Zeit des Umguckens und Orientierens wird die
Tür geöffnet. Keine Aufregung, kein Flattern, Klettern,
Anfliegen. Einige Minuten tut sich gar nichts. Gulliver sitzt
gelassen da und betrachtet sich die grüne, sonnige Welt.
Dann hüpft er gelassen aufs Käfigdach, schüttelt
sich, beginnt sich zu putzen, putzt Feder für Feder,
schüttelt alles wieder durch. Etwa eine halbe Stunde lang.
Schließlich wagt er den Sprung auf eine Weinranke, auf die
nächste, in den Fliederbaum. Dort sitzt er noch lang. Er ist
ein schöner, kräftiger Vogel, bereit für ein
selbständiges Leben in Freiheit. Viel Glück, kleiner
Gulliver!
Am Abend sehe ich ihn auf unserem Schornstein, er fliegt über
das Nachbarhaus, landet auf dem übernächsten Schornstein.
Von dort geht es zum Giebel, von wo er die Wellensittiche
hören kann. Eine Weile sitzt er da, hört zu, dann
fliegt er davon ...
Autorin des Sonderbeitrags: Ingrid Roeschke
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