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Drei Grauschnäpper-Küken ... die hat einen Vogel!
Samstag im Juni: Bei der Gartenarbeit fällt mir auf, dass aus dem Meisenkasten ununterbrochenes Rufen zu hören ist. Die Jungen der Grauschnäpper, die zu unserer Überraschung im Meisenkasten gebrütet hatten, scheinen bald flügge zu sein. Warum sonst sollten sie solchen Lärm vollführen? Ich schaue immer mal nach: immer das gleiche Rufen. Müssten die Jungen nicht auch mal still sein? Von den Meisen kenne ich das anders, die machen nur Lärm, wenn sie hungrig sind oder die Eltern begrüßen. Aber ich sehe keine Elternvögel. Wie oft müssten die kommen, um zu füttern? Sonntag: Das Rufen aus dem Nistkasten erscheint mir allmählich sonderbar, ich beobachte den ganzen Tag den Kasten - keine Eltern ... Aber das Futterbringen geht so schnell - vielleicht habe ich sie nur übersehen. Am Nachmittag stelle ich eine Liege direkt unter den Baum und zusammen mit meinem Sohn beobachten wir über eine Stunde ununterbrochen das Einflugloch. Es kommt kein Elternvogel! Die Jungen stecken ab und zu den Schnabel aus dem Loch um noch lauter zu rufen. Wir beobachten die Umgebung aber sehen keinen Elternvogel. Als es zu dämmern beginnt, stellen wir eine Leiter in den Baum und sehen nach (zum Glück hat dieser Nistkasten ein abnehmbares Dach). Fünf kleine Grauschnäpper, die schon ein schönes Federkleid haben, reißen ihre gelben Schnäbel auf: Hunger. Die ganze Familie geht auf Insektenjagd. Außerdem sammeln wir kleine Regenwürmer (dass man die nicht füttern soll, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht). Dann füttern wir die Jungen im Nistkasten mit einer Pinzette - sie haben wahren "Bärenhunger". Als sie endlich satt sind, zieht Ruhe im Nistkasten ein. Wir lassen sie in ihrem Nest. Wenn morgen früh kein Elternvogel zu sehen ist, werden wir etwas tun müssen. Ich fange am Abend an, im Internet zu recherchieren.
Ich kaufe Beoperlen, kleine Heimchen und Pinkis (die ich dann kochen muss - igitt) und Vitamintropfen im Zooladen, Tatar von Rindfleisch darf man auch zufüttern. Außerdem bestelle ich im Internet Nestlingsfutter und getrocknete Insekten, so was gab es nirgends zu kaufen. Sämtliche Ameisenhaufen im Garten werden geplündert. Die nerven mich sowieso immer, wenn sie mich beim Ernten beißen. Ameiseneier sind hervorragendes Jungvogelfutter. Eine große Hilfe war mir bei der richtigen Herangehensweise die Internetseite der Wildvogelhilfe. Dort findet man wirklich alle wichtigen Hinweise. Dienstag, 2. Füttertag - die drei bekommen von 6 Uhr bis 21 Uhr alle dreiviertel Stunde Futter, sie rufen, wenn ich den Karton öffne. Sind sie satt, machen sie ihre kleinen Augen zu und kuscheln sich in das Serviettennest. Langsam haben sie wieder genug Kraft, um für das Geschäftchen den kleinen Bürzel über den Nestrand hinauszuschieben und wir müssen nicht alle paar Stunden ein neues bauen.
Ich versuche die Vögel an eine Futterschale zu gewöhnen. Aber keiner akzeptiert das bereitgestellte Futter - alle sperren die Schnäbel auf.
Die Vögel sollen gut fliegen können, bevor ich sie freilasse. Also bauen wir noch mal eine richtig große Kartonvoliere als Flugübungsplatz. Den stellen wir von nun an immer tagsüber ins Freie. Am ersten Tag sitzen die drei wie erstarrt auf ihrer Stange. Erst am nächsten fressen sie wieder mit Appetit. Nach drei Tagen endlich sitzen sie angstfrei und genießen die warmen Sonnenstrahlen - und endlich geht auch mal einer baden.
Nach zwei Wochen sind die kleinen Grauschnäpper fit fürs Leben: Ihre Flügel haben kräftige Federn bekommen und ein kleines Schwänzchen ist ihnen gewachsen. Alle können perfekt auf den Ästen landen und gut fliegen. Alle fressen selbständig und baden mit großer Lust. Ich öffne die Behausung und lasse sie in die Freiheit - mit sehr gemischten Gefühlen. Der erste ist weg, schneller als man 'fort' sagen kann. Der zweite flattert erst mal ein paar Sekunden direktüber uns, dann setzt er sich aufs Dach. Der dritte lässt sich Zeit. Er besieht sich erst die möglichen Landeplätze und beobachtet uns dann lange von der Dachrinne aus. Dann sind alle verschwunden. Werden sie es schaffen, werden wir sie wiedersehen?
Ich fotografiere ihn in Freiheit. Dann fliegt er in die großen Fichten. Das ist fortan sein Lieblingsplatz. Hier gibt es viele Insekten und die Bäume sind bei allen Vogelfamilien als Futterstationen sehr beliebt (bei uns brüten Spatzen, Blau-, Kohl- und Tannenmeisen und auch Wachholderdrosseln). "Mein" Schnäpper besucht mich noch mehrere Male an diesem Tag. Ich stelle überall Landehilfen im Garten auf. Außerdem baue ich die Vogeltränke höher. Der kleine ist noch so unvorsichtig. Von vielen Vögeln weiß ich, dass immer einer von einem erhöhten Aussichtspunkt Wache hält, während der andere trinkt. Unser Schnäpper ist aber immer allein - keiner der ihn warnt, wenn die Katze sich anschleicht. Die Kartonbehausung hänge ich auf allen Seiten geöffnet an die Wand, sicher vor Katzen und hoffentlich auch vor Mardern. Hier stelle ich weiterhin Futter und Wasser bereit. Und der kleine Vogel kommt immer wieder zurück!
So geht das tagelang. Kaum gehe ich in den Garten, kommt der Kleine. Er landet mehrfach sogar direkt auf meiner Schulter und piepst mich an. Er fängt sehr gut selbst Insekten - trotzdem kommt er noch immer zu mir. Einmal beobachte ich ihn, wie er im warmen Regen ein Bad nimmt. Dazu legt er sich auf die großen Kirschbaumblätter, in denen sich das Wasser sammelt, bis sein Bäuchlein pitschnass ist. Dann zieht er über ihm hängende Blätter herunter, damit das Wasser auch von oben auf ihn fließt. So einen nassen Vogel habe ich noch nie gesehen. Er flog dann in die trockene und sichere Voliere und saß da zwei Stunden, bis er wieder trocken war.
Die kleinen Schnäpper sind hervorragende Insektenjäger; im Zickzack fangen sie sogar Wespen. Und sie schließen Freundschaften mit anderen Vögeln. Einen sehe ich oft mit der kleinen Meisenfamilie. Der andere "spielt" mit einem Zilpzalp.
Das Territorium, das unser anhängliches Vögelchen erkundet, wird nun größer. Er fliegt auch schon mal weiter weg und ist manchmal mehrer Stunden nicht sicht- oder hörbar. Auch ist er jetzt vorsichtiger. Er sitzt nicht mehr ewig auf dem Boden (um Grashüpfer zu fangen), sondern beobachtet die Lage erst einmal von einem sicheren Sitzplatz aus. Mich lässt er immer noch ganz dicht an sich herankommen. Auch mein Mann und die Kinder dürfen sich nähern. Kommt aber jemand zu dicht und will uns z. B. fotografieren, wird er nervös und fliegt weg.
PS: unser armes Katerchen hat seit dem Freiflug der Vögel leider Hausarrest. Er fängt zu gut Mäuse und würde auch kleine Grauschnäpper jagen. Fotos und Autorin des Sonderbeitrags: Jana Kliche
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