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Rettung eines Mauerseglers (3)
Aus unserer anfänglichen Scheu und Angst wurde eine Aufgabe, die Freude bereitete. Ich
fing an, mich an den Mauersegler im Haus zu gewöhnen und mit ihm zu sprechen, während
ich ihn fütterte. Saskia und Jasmin kümmerten sich in Abständen zwar auch mal um
die Fütterung, aber die Jugend will in den Ferien raus, und so war ich ziemlich auf mich
selbst gestellt. Einen Namen wollte ich unserem Gast nicht geben, weil ein endgültiger
Abschied unmittelbar bevorstand und ich befürchtete, mich zu stark an ihn zu binden. Doch
ganz ohne ging es nicht, und so nannte ich ihn bei seinem lateinischen Namen, Apus apus (der
Fußlose). Das klang nicht nur putzig sondern ist auch noch äußerst treffend,
weil der Mauersegler naturgemäß weder Füße noch Beine am Boden gebrauchen
kann.
Der dritte Tag begann mit großer Freude: Apus apus nahm das Futter selbst aus der Hand,
ich brauchte ihn nicht mehr zwangsweise zu füttern. Es schmeckte ihm ganz offensichtlich.
Nach jeder stündlichen Mahlzeit wog er zwei Gramm mehr. Und insgesamt nahm er an diesem
Tag zwei Gramm zu. Das blieb auch die nächsten Tage so. Auch schloss er nicht mehr so
oft seine Knopfaugen, sondern schaute uns zutraulich und neugierig an, wenn wir am Karton
vorbeikamen.
Er trainierte und putzte sich mit Vorliebe auf der schrägen Rampe, und zwischendurch
schlief er in der mit einem Handtuch abgedeckten und somit abgedunkelten Hälfte des Kartons.
Auch in diesem Zusammenhang war mir zunächst ein Pflegefehler unterlaufen. Da ich
weiß, dass Wellensittiche gern hell stehen, ließ ich den Karton ganz offen, bis
ich merkte, dass der Kleine fast vergeblich versuchte, seinen Kopf unter dem Küchenpapier
oder im Heu zu verstecken (von wegen ins Heu kuscheln.). Also bedeckte ich eine Hälfte des
Kartons mit einem dunklen Handtuch, das von Wäscheklammern gehalten wurde. Außerdem
stellte ich den Karton auf den Tisch auf unserem Balkon (wir wohnen unten und müssen mit
Katzen rechnen), und hängte davor ein großes Laken an die Wäscheleine. Wenn
die Sonne schien, bedeckte ich auch die helle Hälfte seiner Unterbringung mit einem
Handtuch und ließ nur durch die Mitte Tageslicht in den Karton fallen.
Apus fühlte sich sichtlich wohl. Er schnappte gierig nach meinen Fingern, wenn ich ihn
aufnahm. Er fraß gut und nahm bis zum fünften Tag seines Aufenthaltes ganze zehn
Gramm zu, so dass er es auf ordentliche 48 Gramm brachte. Zum Schlafen lag er gern auf einem
schmalen Ring aus Heu. Ich hatte ja mit Hilfe der Webcam von Rüdiger Becker gesehen,
dass die Mauersegler einen solchen bauen. Aber leider fiel mir nicht ein, wie ich ihn verkleben
konnte, und ich ließ ihn weg, als zum ersten Mal ein Kot darin war.
Ab dem sechsten Tag fing er an, sich vermehrt in der hellen Hälfte des Kartons aufzuhalten
und in der Gegend umzusehen. Besonders interessierten ihn herumfliegende Insekten und die
Vögel am Himmel. Im gleichen Atemzug fing er an, weniger zu fressen. Ich war etwas
verunsichert über dieses erste Anzeichen des bevorstehenden Abfluges, denn der Tag
konnte noch nicht gekommen sein, weil die Federhülsen ihn noch zur Flugunfähigkeit
verdammten. War er etwa krank?
Ich rief Frau Haupt an, die Tierärztin bei der Mauergesellschaft. Sie meinte aber, dass
ich abwarten solle. In keinem Fall könnte der Kleine fliegen, bevor die Hülsen nicht
verschwunden seien und ich solle vor dem ersten Startversuch die kleineren Federn unter dem
Flügel hoch pusten, um zu sehen, ob die Hülsen verschwunden sind. Mit 48 Gramm sei
er außerdem noch zu schwer für seinen Flug. Frau Haupt wies mich zudem auf die
neuesten Erkenntnisse über den Start hin. Ein sonniger Nachmittag und der Start von
einer Wiese sei nicht unbedingt von Vorteil, sagte sie. Trockenes Wetter mit Wolken und einer
sanfte Brise wären gut. Ansonsten solle man darauf achten, dass möglichst andere
Mauersegler am Himmel sind, da der Jungvogel durch sie animiert wird. In Frankfurt würde
man die Starts in Straßen durchführen, erklärte sie weiter, da Falken eine
zunehmende Gefahr für die aufsteigenden Mauersegler sind und dass viele der jungen
Vögel beim ersten Aufstieg geschnappt werden. Es wäre sicherer, den Kleinen im
Schutz der Häuser aufsteigen zu lassen. Und wenn andere Mauersegler ihn aufsteigen
sehen, kommen sie herunter und nehmen den Jungvogel in ihre Obhut.
Apus fraß in den nächsten Tagen gerade mal so viel, dass er ein Gewicht zwischen
44 und 46 Gramm hielt. Ansonsten stellten wir keine Veränderungen fest. Mein Mann,
Hans-Jürgen, war ganz froh über die kleinen Mahlzeiten, denn er war es, der die
Heimchen einkaufte und einfror, um ihnen dann die Beine zu entfernen, damit ich sie
verfüttern konnte. Drei- bis viermal pro Tag ging er vor und nach der Arbeit in den
Keller. Morgens um 6:00 Uhr das erste Mal, abends um 20:30 Uhr das letzte Mal. Ich fand
diese Viecher schon mehr als ekelhaft, aber da meinem Mann das Zartgefühl für ein
Halten des Vogels fehlte, bestand ich darauf, den Mauersegler selbst zu füttern. Am
Anfang hatte ich einen ganz schönen Würgereiz (die Körper der Heimchen waren
"matschig" weich - die Köpfe hart), aber am Ende machte es mir nichts aus, mehrfach
täglich zehn bis 15 Stück zu verfüttern. Apus sollte bekommen, was er braucht
- das hatten wir nun mal so entschieden.
Autorin des Sonderbeitrags:
Christina Klink
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