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Erkrankungen des Zentralen
Nervensystems (ZNS)
Das
Zentrale Nervensystem, auch als Zentralnervensystem oder kurz ZNS
bezeichnet, ist ein Gewebe, das bei Vögeln und auch bei
anderen höheren Lebewesen sehr vielfältige Aufgaben
koordiniert. Unter anderem koordiniert es die Bewegungen und ist
für die Verarbeitung von Reizen aller Art mit
zuständig. Bei Wirbeltieren, zu denen auch die Vögel
gehören, und beim Menschen befindet sich das ZNS im Gehirn und
im Rückenmark. Das Gewebe kann aus unterschiedlichen
Gründen Schaden nehmen, denn es gibt eine Reihe von
Erkrankungen, die es angreifen. Foto: Stadttaube mit ZNS-Erkrankung,
© Dagmar Offermann
Typische Ursachen für ZNS-Erkrankungen
können zum Beispiel sein:
- Infektionen des Gehirns mit Viren, Bakterien,
Parasiten
(bei Tauben ist vor allem an Paramyxoviren
zu denken)
- Vergiftungen (hierbei kommen
bei Wildvögeln besonders häufig Insektizide zum
Tragen)
- Organerkrankungen (beispielsweise
Nierenerkrankung)
- Gehirnerschütterungen und Gehirnblutungen
nach
Kollisionsunfällen
- Durchblutungsstörungen
- Mangel
an Vitaminen des B-Komplexes, Vitamin E und Kalzium
- Hirntumoren
Mit einer Erkrankung des ZNS gehen meist
charakteristische Symptome einher:
- Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen:
Der Vogel kann sich
nicht gut auf dem Ast halten, er fällt oft auf den Boden.
Kopfverdrehungen: Der Vogel verdreht den Hals um bis zu 180 Grad
und dreht sich mit dem gesamten Körper um seine eigene Achse,
siehe Foto rechts.
Ursache hierfür sind in vielen Fällen Paramyxoviren oder
Infektionen mit Salmonellen,
aber auch Schwermetallvergiftungen,
wie zum Beispiel Blei aus
Autoabgasen, oder Insektizide, die der Vogel mit der Nahrung
aufgenommen hat. Aber auch andere Ursachen können zum
Verdrehen des Kopfes führen.
Foto rechts: Junge Blaumeise mit schwerer ZNS-Störung,
© Monika Schröder
- Krämpfe: Der Vogel hat
Krampfanfälle, zappelt und
schlägt mit den Flügeln. Meist ist der Vogel hierbei
nicht
bei Bewusstsein. Manchmal gibt das Tier dabei ungewöhnliche
Laute von sich oder verkrümmt sich insgesamt und kann dabei
nicht mehr auf den Beinen stehen. Häufig verkrampfen sich auch
die Füße zu kleinen Fäusten. Dauern die
Anfälle länger, so stirbt der Vogel
an Kreislaufversagen.
- Bewusstseinsstörungen: Benommenheit und
Bewusstseinsverluste treten vor allem nach
Gehirnerschütterungen
auf. Der Vogel sitzt still und
apathisch am Boden. Hat das Tier starke Gleichgewichtsprobleme,
kann es sich nicht auf den Beinen halten, fällt es auf die
Seite und erbricht es die zuvor aufgenommene Nahrung, so
könnte es sich um eine
Gehirnerschütterung handeln. Zudem halten hiervon betroffene
Vögel oft ein Auge oder gleich beide geschlossen.
Dies ist vor allem bei Jungvögeln der Fall, die aus dem Nest
gefallen sind.
Vögel,
die unter zentralnervösen Störungen leiden,
müssen
dunkel und ruhig gehalten werden. Alle äußeren
Reize, die
auf das Gehirn einwirken können, sind zu vermeiden. Am besten
setzt man sie in einem abgedunkelten Raum auf eine weiche
Unterlage, so dass sie sich bei Krampfanfällen nicht verletzen
können. Bitte führen
Sie keine
Wärmebestrahlung durch! Wärme
lässt die Blutmenge im
Gehirn steigen, wodurch sich der Zustand des Tieres noch
verschlechtert; im schlimmsten Fall kann die Wärmetherapie
tödlich sein! Foto rechts: Benommener Baumläufer mit
schwerer Gehirnerschütterung, © Mona
Möhlmann
Die Behandlung eines Vogels mit ZNS-Störungen
richtet sich nach der Ursache, die am besten von einem erfahrenen
Tierarzt festgestellt werden sollte. Handelt es sich
beispielsweise um einen
ernährungsbedingten
Mangelzustand, so erholt sich das Tier nach der Verabreichung
der fehlenden Substanzen oft wieder vergleichsweise schnell. Sie
sollten dem Vogel
einige Tropfen Vitamin B oder Amynin beziehungsweise Volamin
verabreichen und
ihn danach für zwei bis drei Stunden völlig in Ruhe
lassen. Anschließend
können Sie langsam damit anfangen, den Vogel zu
füttern. Wenn
er das Futter nicht bei sich behält, so müssen Sie
ihn
mit einem Brei
zwangsernähren.
Einige Tierärzte rieten uns, dem
Wildvogelhilfe-Team, in der Vergangenheit ohne die Stellung konkreter
Diagnosen dazu, Vögel mit ZNS-Störungen
einzuschläfern. Ein erfahrener Vogel-Tierarzt stellt hingegen
eine gesicherte Diagnose und gibt meist nicht so schnell den Rat zum
Einschläfern. Sinnvoll und allemal
einen Versuch wert ist die Verabreichung einer reinen
Vitamin-B-Lösung,
von der über mehrere Tage stündlich einige Tropfen
eingegeben
werden. Auch die Injektion von Vitamin B durch einen Tierarzt
ist ratsam.
In vielen Fällen trat nach dieser Behandlung vor allem bei
Gehirnerschütterungen eine deutliche Besserung ein. Hier
dauerte es manchmal nur einige Stunden, bis sich der Vogel wieder
erholt hatte.
Einige Vogelarten, zum Beispiel Schwalben, benötigen
hin und wieder B-Vitamine zur Prophylaxe von Mangelerscheinungen, da die Tiere ansonsten zu Verkrampfungen neigen. Diese
Verkrampfungen äußern sich folgendermaßen:
Der Vogel
verbiegt sich, indem er seinen Kopf nach hinten und seinen
Schwanz nach vorne verdreht, er kann sich dabei sogar
rückwärts überschlagen.
Erkrankungen des ZNS heilen häufig nicht
innerhalb weniger Tage. Es kann je nach Ursache für die
Krankheit Wochen oder gar Monate dauern, bis ein betroffener Vogel
wieder vollständig genesen ist. Sind Zugvögel von
einer solchen Erkrankung betroffen, muss genau überlegt
werden, ob sie in Gefangenschaft überwintern können.
Die Unterbringung sollte dann möglichst artgerecht sein und im
Idealfall finden die gefiederten Patienten mindestens einen Artgenossen
vor. Es kann deshalb sinnvoll sein, sich mit anderen Auffangstationen
oder Vogelpflegern darüber zu beraten, zwei einsame Patienten
derselben Art an einem geeigneten Ort zusammenzulegen.
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