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Verletzungen durch Säugetiere

Hauskatze beim FreigangMehrere in Mitteleuropa heimische Säugetierarten jagen Vögel, weil sie sich von ihnen ernähren oder weil ihr Jagdinstinkt durch sie geweckt wird. Zu den Tieren, auf deren Speisezettel Vögel stehen, gehören unter anderem Füchse, aber auch die in unseren Breiten sehr selten gewordenen Wildkatzen. Doch in der heimischen Natur streifen jedoch extrem viele Hauskatzen als Freigänger umher, sodass der Großteil der von Säugetieren verursachten Verletzungen bei Vögeln von ihnen verursacht wird. Foto © Atmantis, Flickr.com mit CC-Lizenz

Findet man einen verletzten Vogel, der Kratz- und Bisswunden aufweist, so wurde er sehr wahrscheinlich von einer Katze angegriffen. Der Speichel von Katzen, aber auch der anderer Säugetiere, enthält aggressive Bakterien, die zu einer tödlichen Infektion führen können, wenn sie in die Blutbahn eines Vogels gelangen. Ein kleiner, mit dem bloßen Auge kaum sichtbarer Kratzer in der Haut des Opfers kann genügen, um eine solche Infektion herbeizuführen. Deshalb kann es angezeigt sein, Vögel, die von Säugetieren gebissen/gekratzt wurden, umgehend mit einem Medikament zu behandeln, das die gegebenenfalls tödlich verlaufende Infektion stoppt. Wirksam gegen die Pasteurellen-Infektion ist beispielsweise das Antibiotikum Baytril aufgrund des darin enthaltenen Wirkstoffs Enrofloxacin.

Werden Vögel von Säugetieren angegriffen, entstehen dabei typische Verletzungen:

Im Folgenden werden die Symptome und Behandlungsmöglichkeiten der einzelnen, häufig auftretenden Verletzungsarten kurz beschrieben. Ein vogelkundiger Tierarzt kann in den meisten Fällen durch eine möglichst rasche Behandlung helfen.

Luftsackrisse
Grünfink mit Luftsackriss am BauchAnders als Menschen verfügen Vögel nicht nur über Lungen, sondern auch über ein System weiterer Organe, die den Körper mit Sauerstoff versorgen. Hierzu gehören die sogenannten Luftsäcke. Sie sind ein typisches Merkmal der Vögel und sie sind unter anderem mit für die "Leichtbauweise" dieser Tiere verantwortlich. Da die Luftsäcke direkt unter der Haut liegen, können sie bei einem Angriff durch ein Säugetier verletzt werden. Krallen oder spitze Zähne durchschlagen die Haut eines Vogels problemlos, sie reichen meist tiefer in den Körper hinein und verletzen oder zerreißen die dünne Außenhaut der Luftsäcke. Foto rechts: Grünfink mit Luftsackriss am Bauch

Die Folge sind für den betroffenen Vogel Atemprobleme sowie in den meisten Fällen Schwellungen der verletzten Luftsäcke. Sie blähen sich stark auf, denn durch die Wunde oder den Riss gelangt Luft von außen in ihr Inneres. Ein Tierarzt kann hier auf unterschiedliche Weise helfen, wobei er den erkrankten Vogel unter Umständen in eine Narkose legen muss. Wichtig ist, dass der Patient einige Tage Zeit zur Genesung in einer sicheren Umgebung erhält, in der er nicht fliegen kann. Beim Flug beschleunigt sich die Atmung und der Körper verbraucht mehr Sauerstoff. Dadurch müssen die Luftsäcke verstärkt arbeiten, was die Regeneration der verletzten Organe stören würde. Deshalb empfiehlt sich die vorübergehende Unterbringung in einer kleinen Box. Weitere Fotos von Luftsackrissen finden Sie hier.

Tiefe Kratzwunden
Krallen dringen meist sehr tief in das Gewebe ein, sie zerreißen mitunter Muskeln und auch Sehnen oder Bänder. Verletzte Muskeln können heilen, sofern der gefiederte Patient in einem kleinen Käfig untergebracht wird, in dem er sich nicht übermäßig viel bewegen kann. Diese erzwungene Schonung der verletzten Muskulatur ist wichtig, weil eine vollständige Heilung davon abhängig ist. In manchen Fällen sind die Verletzungen so gravierend, dass der behandelnde Tierarzt das Gewebe nähen muss.

Sind Sehnen oder Bänder durchtrennt worden, ist eine Heilung vor allem bei kleinen Singvögeln praktisch ausgeschlossen. Eine körperliche Behinderung, die für den Rest des Lebens besteht, ist dadurch die Folge, denn die betroffene Extremität (Bein oder Flügel) ist nicht mehr voll beweglich. Große Vögel können von versierten Tierärzten in manchen Fällen operiert werden, sodass sie später das betroffene Bein oder den verletzten Flügel wieder weitestgehend normal bewegen können.

Verletzungen der Wirbelsäule
Genau wie beim Menschen verlaufen auch beim Vogel die für die Steuerung der verschiedenen Körperteile wichtigen Nervenstränge durch die Wirbelsäule. Wird das Rückenmark durch den Biss eines Säugetiers oder durch seine Krallen verletzt, kann es zu schweren Lähmungen des Opfers kommen. Eine Bisswunde im Bereich des Rückens kann somit zu einer Querschnittlähmung oder zu gravierenden Schäden in den Beinen oder im Schwanz führen. Verletzungen im Bereich der oberen Wirbelsäule (Halswirbel) können zu Lähmungen in den Flügeln führen.

Specht mit verletzter WirbelsäuleMeist sind die Lähmungen nicht mehr heilbar, weil das Rückenmark und damit auch die Nervenstränge durchtrennt wurden. Nur in wenigen Fällen werden die Lähmungen durch Schwellungen des Gewebes rund um den Nervenkanal verursacht, die Nervenstränge selbst dürfen nicht verletzt sein, damit eine vollständige Wiederherstellung der Bewegungsfähigkeit des Vogels möglich ist. In der Abbildung rechts ist ein Specht zu sehen, der Opfer eines Katzenangriffs geworden ist. Die Katze hat seine Wirbelsäule durch einen Biss verletzt, die Nervenstränge waren hierdurch stark beschädigt worden. Der untere Rumpf des Vogels war gelähmt, sodass er seinen Schwanz nicht mehr bewegen konnte. Foto © Ingrid Roeschke

für Vögel ist eine Lähmung der unteren Wirbelsäule katastrophal, selbst wenn sie ihre Flügel und Beine noch bewegen können. Durch die Lähmung sind sie nicht mehr dazu in der Lage, Brems- und Steuermanöver mit dem Schwanz auszuführen. Vögel wie Spechte, die sich beim Klettern mit dem Schwanz abstützen, können sich nicht mehr an einem Baum halten. Es handelt sich demnach um eine Behinderung, die ein Überleben in freier Natur unmöglich macht.

Großflächig ausgerissene Federn
Verletzter Rücken eines HaussperlingsEin Vogel, der von einem Säugetier gepackt wird, versucht in den meisten Fällen zu fliehen. Hierbei bietet er sämtliche ihm zur Verfügung stehende Körperkraft auf. Gelingt ihm die Flucht, so lässt er dabei meist buchstäblich etliche Federn. Es kann also dazu kommen, dass großflächig Federn ausgerissen werden, oft hängt an diesen Federn ein Teil der Haut. Große, oberflächliche Wunden können die Folge sein. Mitunter reißen aber auch die Säugetiere selbst den Vögeln Federn aus, wenn sie zum Beispiel in den Vogelkörper beißen. Auch hierbei kann es zu großflächigen Hautwunden kommen. Foto: Verletzter Rücken eines Haussperlings, © Kathrin Springer

Vögel, die solche Verletzungen aufweisen, benötigen eine sorgfältige Wundpflege. Der behandelnde Tierarzt muss in jedem Fall individuell entscheiden, ob das Anlegen einer Bandage zum Schutz der Wunde sinnvoll ist oder nicht. Eine antibiotische Therapie ist - allein schon aufgrund der weiter oben erwähnten Gefahr einer Pasteurellen-Infektion - in den meisten Fällen unerlässlich.

Knochenbrüche
Wenn ein Säugetier einen Vogel packt, dann geschieht dies in aller Regel mit einem großen Krafteinsatz. Hierbei können Beine und Flügel der Opfer brechen. Woran Knochenbrüche zu erkennen sind und wie man sie behandelt, wird im Kapitel über Flügelerkrankungen sowie im Text über Beinerkrankungen ausführlich beschrieben.

Augenverletzungen
Wird bei einer Säugetierattacke ein Auge eines Vogels verletzt, so können die Langzeitfolgen verheerend sein. Ist nur das Augenlid verwundet, besteht die Chance darauf, dass der Vogel seine Sehfähigkeit behalten wird. Meist reicht eine Wundreinigung mit einer anschließenden antibiotischen Therapie aus, um das Auge zu retten.

Zum Verlust des betroffenen Auges und damit der Sehfähigkeit führt eine Verletzung des Glaskörpers, wenn beispielsweise eine Kralle oder ein langer, spitzer Zahn diesen ansticht. Die Flüssigkeit, die im Auge enthalten ist, läuft aus, wodurch das Sehorgan rasch austrocknet. Um den Vogel vor einer tödlichen Infektion der Augenhöhle zu schützen, muss das verletzte und ausgelaufene Auge meist operativ entfernt werden. Einäugige Vögel können in der Natur durchaus überleben, allerdings ist ihre Lebenserwartung durch dieses Handicap deutlich verringert.

Weitere Informationen über Erkrankungen der Augen finden Sie im gleichnamigen Kapitel.

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