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Krankheiten der Extremitäten

Unter dem Begriff "Extremitäten" fasst man bei Vögeln die Flügel und die Beine inklusive der Füße zusammen. An den Extremitäten kann es zu verschiedenen Erkrankungen kommen, von denen einige besonders häufig auftreten. Sie werden in diesem Kapitel kurz erläutert.

Knochenbrüche und Verstauchungen
Grünfink Fridolins Fuß ist schief Durch eine Röntgenaufnahme ist festzustellen, ob es sich tatsächlich um einen Knochenbruch oder aber um eine Prellung, Verstauchung, Auskugelungen oder Ausrenkung handelt. Ausrenkungen und Auskugelungen, die auch Luxationen genannt werden, müssen unter Narkose eingerenkt werden, sofern dies überhaupt möglich ist. Bei Knochenbrüchen ist Handeln innerhalb von 48 Stunden geboten, da die betroffenen Knochen sonst mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr anatomisch richtig zusammenwachsen. Ein Vogel, der an einem Knochenbruch leidet, sollte unbedingt dem Tierarzt vorgestellt werden! Foto rechts: Grünfink mit schiefem Fuß, © Dagmar Offermann

Es existieren zwei unterschiedliche Methoden, mit denen Knochenbrüche behandelt werden:

Konservative Methode: Fixierung der gebrochenen Gliedmaßen in der natürlichen Position, so dass die Bruchenden aneinander liegen und sich bei Bewegung nicht verschieben. Nach zehn Tagen wird der Verband in aller Regel entfernt.

Konservative Methode beim Rabenvogel
Diese Abbildung zeigt einen nach der konservativen Methode behandelten Rabenvogel.

Chirurgische Methode: Hierbei werden die Bruchenden mit Drähten verankert. Nach etwa drei Wochen werden die Drähte wieder entfernt. Die chirurgische Methode hat den Vorteil, dass die Bruchenden exakt aneinander angepasst werden können.

Zur Verbesserung der Kallusbildung (neue Gewebsbildung bei Knochenbrüchen) sollten täglich über das Trinkwasser Calcium phosphoricum D6 und Syphytum D3 verabreicht werden. Nach erfolgreich eingerenkten Luxationen (Auskugelungen, siehe unten) und anderen Gelenkserkrankungen empfiehlt sich die Gabe von Arnica D3, Belladonna D3 und Bryonia D4.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass ein Bandagieren bei komplizierten Knochenbrüchen meist wenig bewirkt. Es hat sich sogar des Öfteren gezeigt, dass ein Vogel, dem beispielsweise ein Fuß bandagiert wurde, nach Abnahme der Bandage Fehlstellungen im anderen, zuvor vollständig gesunden Fuß aufwies. Solche Fehlstellungen an gesunden Extremitäten ergeben sich aufgrund der einseitigen, unnatürlichen Belastung.

Flügelverletzungen
Grundsätzlich sollten Flügelverletzungen immer schnellstmöglich von einem Tierarzt geröntgt und behandelt werden! Eine rechtzeitige Behandlung führt in den meisten Fällen dazu, dass der Vogel innerhalb einiger Wochen wieder fliegen kann.

Verletzter Flügel bei Stadttaube Tastet man den Flügel ab, so ist oft ein Knarren zwischen den Bruchkanten zu erspüren. Hängt der Flügel herab, so deutet dies auf einen Bruch der äußeren Knochen hin. Wird er hingegen abgespreizt oder üb den anderen Flügel gekreuzt, so könnte es sich um einen Bruch im Schulterbereich handeln. Nicht jeder Bruch der Flügelknochen ist anhand einer Fehlstellung zu erkennen! Leichte Lähmungserscheinungen sprechen für Verstauchungen, manche Flügelfehlstellungen für eine Ausrenkung. Handelt es sich um einen offenen Bruch, so muss zuerst die Blutung gestillt werden. Foto rechts: Stadttaube mit verletztem Flügel, © Gaby Schulemann-Maier

Verletzter, blutiger Flügel einer Dohle
Foto: Verletzter Flügel einer Dohle, © Dagmar Offermann

Für geübte Vogelpfleger folgt nun eine Anleitung für das Ruhigstellen eines verletzten Flügels. Offene Brüche dürfen nicht so wie nachfolgend beschrieben behandelt werden!

Bandagierte Dohle Der verletzte Flügel wird in die anatomisch richtige Lage gebracht - die Bruchenden müssen genau voreinander liegen - und der verletzte sowie der gesunde Flügel werden mit einer Mullbinde leicht am Körper fixiert: Die Mullbinde wird kreuzweise zwischen den Beinen durchgeführt und auf dem Rücken verknotet. Die Ständer und die Kloake müssen frei bleiben! Der Verband darf nicht zu fest sitzen, so dass er den Vogel nicht beim Atmen oder bei der Nahrungsaufnahme behindert! Foto rechts: Bandagierte Dohle, © Sandra Garbatsch

Ein weiteres probates Mittel zum Fixieren, das praktisch jeder Vogelpfleger im Haus hat, sind handelsübliche Klebestreifen (zum Beispiel Tesafilm). Der Klebestreifen sollte rund zehn Tage am Flügel verbleiben. Man muss den Klebefilm um beide Flügel wickeln, um die gebrochene Extremität ausreichend ruhig zu stellen. Die folgenden Abbildungen zeigen, wie es geht:

Abb. 1 und 2: Den Daumen mit etwas Speichel anfeuchten, um den Klebestreifen an der nicht haftenden Seite aufzunehmen.

Abb. 3: An dieser Stelle muss der Klebestreifen angebracht werden.

Abb. 4: Den Klebestreifen kurz andrücken - fertig ist die Flügelfixierung.

  

Vielen Dank an Frauke Brinkmann für die obigen Skizzen.

Amputationen
Amputationswunde bei einem Höckerschwan Mitunter sind Knochenbrüche derart schwerwiegend, dass eine Heilung trotz einer Verdrahtung nicht mehr möglich wäre. Meist sind es offene Brüche, die nicht mehr so behandelbar sind, dass die betroffene Extremität erhalten werden kann. Der Grund hierfür ist, dass die aus der Wunde ragenden Knochenfragmente meist bereits getrocknet sind. Wird ein Vogel, der an einem offenen Bruch leidet, zu spät aufgefunden, dann kommt für die Fraktur aus dem genannten Grunde oft jede Hilfe zu spät. Auch viele schwere Splitter- und Trümmerbrüche lassen sich nicht verdrahten oder anderweitig richten. Foto rechts: Flügelbruch bei einem Schwan, © Andrea Wiegand

Um einem betroffenen Tier das Weiterleben zu ermöglichen, bleibt als einzige Lösung die Amputation des zerstörten Knochens, wobei die Abtrennung meist am nächsthöheren Gelenk erfolgt. Die Abbildung über diesem Absatz zeigt einen Schwan, dem nach einem Unfall ein Teil seines Flügels amputiert werden musste, die frische Amputationswunde ist deutlich zu erkennen. Vögel, denen Gliedmaßen oder Teile ihrer Extremitäten amputiert wurden, kann man in aller Regel nicht mehr auswildern!

Beinverletzungen
Singdrossel mit Beinbruch Auch hierbei kann es sich um Ausrenkungen, Verstauchungen oder Knochenbrüche handeln. Der Vogel belastet das kranke Bein nicht mehr, entweder hängt es schlaff baumelnd herunter oder es wird an den Körper gezogen. Auch Schwellungen kommen gelegentlich vor. Ist der Knochen vollständig durchgebrochen, so sind die Bruchenden leicht zu ertasten. Bei offenen Brüchen ragen die Knochenenden aus einer Wunde hervor. Ist kein Bruch fühlbar und lediglich ein Gelenk geschwollen, so spricht dies für eine Verstauchung. Ausrenkungen liegen in aller Regel vor, wenn das Bein in unnormaler Stellung absteht. Die Abbildung in diesem Absatz zeigt eine Singdrossel mit einem gebrochenen Femurknochen (Oberschenkel), die auf einem zusammengedrückten Handtuch sitzend genügend Halt findet. Foto © Anke Poggel

Geschienter Beinbruch Konservative Methode: Brüche der Beinknochen müssen für etwa zwei bis drei Wochen fixiert werden. Um eine ausreichende Blutzirkulation zu gewährleisten und Veränderungen des Beinumfangs durch Schwellungen zu berücksichtigen, sind Klebeverbände aus mehreren Lagen übereinander geklebtem, dickem Leukoplast besser geeignet als Schienen aus Strohhalmen, etc. Die Klebestreifenränder sollten sich an der Vorder- und der Hinterseite des Beines befinden und fest miteinander verklebt werden. Sinnvoller ist es jedoch, diese Art der Fixierung eines Beinbruchs einem fachkundigen Tierarzt zu überlassen! Einen Vogel, der an einem Beinbruch leidet, setzt man am besten auf ein zusammengedrücktes Handtuch, so dass er Halt findet und nicht umfällt.

Abgeschnürte Füße und eingewachsene Ringe
Stadttaube mit zerstörtem Fuß Unter eingewachsenen Ringen oder Abschnürungen durch Fäden bzw. Plastikstreifen (z. B. aus dem Müll) leiden vor allem viele Stadttauben, also verwilderte Rasse- und Brieftauben, siehe Foto rechts. Die Blutversorgung der Zehen wird durch eine solche Abschnürung unterbrochen, so dass sie letztendlich absterben. Mitunter wickeln sich auf dem Boden liegende Fäden so fest um die Füße der Vögel, dass in besonders schlimmen Fällen beide Beine fest miteinander verschnürt sind. Die betroffenen Vögel können nicht mehr laufen und sind schwer gehandicapt.

In manchen Fällen wickelt sich faseriges Nistmaterial um die Beine und Füße von Wildvögeln. Hiervon sind vor allem Jungvögel relativ häufig betroffen. Die Folge ist eine eingeschränkte Durchblutung der Zehen. Es besteht auch hierbei die Gefahr, dass der Fuß abstirbt. Foto rechts © Gaby Schulemann-Maier

Eingewachsene Ringe müssen vom Tierarzt operativ entfernt werden. Umschnürungen der Füße müssen vorsichtig - beispielsweise mit einer Nagelschere - geöffnet werden. Dies funktioniert am besten, wenn eine Person den Vogel in Rückenlage festhält und eine zweite Person mit der Nagelschere vorsichtig die Umschnürung aufschneidet.

Eingeschnürtes Bein einer Taube
Foto © Paasmühle

Eingeschnürtes Bein eines HaussperlingsDas Foto unter diesen Zeilen zeigt das verletzte Bein einer jungen Rabenkrähe. Sie gelangte als Nestling in die Obhut österreichischer Tierschützer. Um das Bein des jungen Vogels hatte sich ein Faden gewickelt, der zu einer schweren Abschnürung geführt hat, durch die der Fuß angeschwollen war. Auch war die Haut am Bein an mehreren Stellen verletzt und blutig. Das Schrecklichste an dieser Geschichte war, dass an dem Faden zwei abgetrennte Krähenbeine - wohl von Geschwistern des unglückseligen Jungvogels - hingen ... Foto rechts © Kathrin Springer, Foto unten © Verein für kleine Wildtiere in grosser Not

Verletztung durch Abschnürung

Gelenkentzündungen
Die meisten Gelenkentzündungen entstehen durch Krankheitserreger, die über Verletzungen in die Blutbahn des Vogels gelangen. Der Vogel schont die betroffenen Gliedmaßen, entweder fliegt er nicht mehr oder setzt ein betroffenes Bein nur unter größter Vorsicht auf. Die Gelenke sind meist verdickt, gerötet und warm. Bakterielle Gelenkentzündungen werden mit Antibiotika behandelt. Sinnvoll ist die Injektion von Antibiotika durch den Tierarzt.

Zusätzlich zu den Antibiotika hat sich die Gabe von Arnica bewährt. Auch Traumeel-Salbe hilft sehr gut gegen entzündete Gelenke. Zusätzlich können Traumeel-Tropfen ins Trinkwasser gegeben werden.

Rachitis (Knochenweiche)
Amsel mit schiefem Fuß Diese Erkrankung wird in der Wachstumsphase durch einen Mangel an Kalzium und anderen Mineralstoffen und/oder durch eine Unterversorgung mit den Vitaminen D3 und B verursacht. Dies geschieht meist bei reiner Körnerfütterung der Jungvögel!

Die Gelenke sind geschwollen, bald kommt eine Erweichung des Schnabels und der Krallen hinzu. Im Endstadium verändert sich das gesamte Knochensystem. Bitte lesen Sie sich hierzu unseren Text über Krankheiten durch, die aufgrund von Mangelernährung entstehen. Foto rechts © Sylvia Schneider

Hüftluxation (ausgekugelte Hüfte)
Ausgekugelte Hüfte Infolge von Unfällen oder durch die Ausübung starken Drucks auf das Gelenk während der Wachstumsphase kann es bei Vögeln zu einer so genannten Hüftluxation kommen. Hierbei kugelt das Gelenk aus, weshalb das betroffene Bein mehr oder minder stark seitlich absteht, siehe Foto rechts, © Markus und Tamara.

Luxierte Hüftgelenke können bei Altvögeln meist nicht wieder gerichtet werden, die Tiere bleiben zeitlebens gehandicapt. Bei Jungtieren besteht eine Chance auf eine Verringerung der Fehlstellung und eine damit verbundene Wiederherstellung der Funktion des betroffenen Beines. Je jünger das Tier ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Therapie erfolgreich verläuft, weil die Knochen bei Küken noch etwas weicher und somit flexibler sind als bei älteren Vögeln. Umgekehrt heißt das: Je härter der Knochen, desto schwieriger ist es, eine annähernd normale Gelenkposition wiederherzustellen. Deshalb ist es wichtig, bei einer Hüftluxation so schnell wie möglich zu handeln!

Um ein luxiertes Hüftgelenk wieder zu richten und dazu zu bringen, dauerhaft in einer anatomisch korrekten bzw. korrekteren Position zu verbleiben, muss ein Tierarzt das Gelenk durch Abtasten untersuchen. Dann muss er das Bein in die Normalposition bringen und es mit Hilfe von Bandagen und Schlingen so fixieren, dass das Hüftgelenk in der Normalstellung gehalten wird. Diese Fixierung muss das Jungtier einige Tage oder gar Wochen tragen, sie darf nicht entfernt werden.

Nicht jeder Tierarzt ist ein Spezialist in Sachen Vogelanatomie, und beim geringsten Fehler in der Positionierung des Hüftgelenks wird die Behinderung für den Vogel durch den Therapieversuch noch schlimmer, als sie es ohne eine Behandlung wäre. Selbstversuche medizinischer Laien verbieten sich deshalb von selbst. Um einem betroffenen Vogel wirklich helfen zu können, ist es dringend erforderlich, einen solch heiklen gefiederten Patienten einem auf die Behandlung von Vögeln spezialisierten Tierarzt vorzustellen.

Informationen zur Unterbringung eines Vogels mit ausgekugelter Hüfte (Liegeplattformen, etc.) finden Sie auf dieser Website über Ziervögel.

Krankengymnastik als Trainingsmaßnahme zum Aufbau der Muskulatur
Taube bei der Krankengymnastik Leidet ein Vogel an Beinverletzungen (Knochenbrüche, Verstauchungen, Verrenkungen, Lähmungen, Verkrampfungen oder allgemeiner Schwäche in den Beinen), kann man versuchen, das Tier in einer Hängekonstruktion, wie sie auf dem Foto rechts zu sehen ist, langsam wieder an das Greifen zu gewöhnen. Bei diesem Training ist jedoch große Vorsicht geboten! Nicht jeder Vogel hält den Stress aus, der beim Anbringen der Konstruktion gegeben ist!

Hängt der Vogel anatomisch richtig (die Kloake muss auf jeden Fall frei bleiben und die Konstruktion darf nirgendwo einschnüren oder -schneiden), so kann man mehrmals täglich gezielte Greifübungen durchführen, indem man ein Ästchen unter die Füße hält, so dass der Vogel greift. Normalerweise sollte ein Greifreflex einsetzen, wenn man den Ast vorsichtig gegen die Unterseite des Fußes drückt. An der mittleren Stelle des Fußes befindet sich ein entsprechender Reflexpunkt.

Bleibt bei dem Training jede Art von Greifreflex aus, sollte unbedingt ein Tierarzt zu Rate gezogen werden, da in einem sollchen Fall ein neurologisches, also die Nervenbahnen betreffendes Problem vorliegen könnte. Foto rechts © Annika und Harry

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