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Jungvogel gefunden - was ist zu tun?

In diesem Kapitel stellen wir Ihnen einige Maßnahmen vor, die Sie ergreifen können und sollten, falls Sie einen Jungvogel gefunden haben. Unsere Checkliste soll Ihnen die Entscheidung darüber erleichtern, wie Sie weiter vorgehen sollten.

Nackter oder kaum befiederter Jungvogel
Junge StadttaubenSie haben einen sehr jungen Vogel entdeckt, der kaum oder gar keine Federn hat und der hilflos auf dem Boden liegt; es handelt sich hierbei um einen sogenannten Nestling. Er benötigt dringend Ihre Hilfe, denn außerhalb des Nestes wird er nicht von seinen Eltern gefüttert oder gewärmt. Außerdem ist er Fressfeinden schutzlos ausgeliefert. Der beste Ort für einen solchen Vogel ist das Nest der Eltern, dort hat er die größten Überlebenschancen. Sie sollten deshalb die nähere Umgebung sorgfältig absuchen und den Jungvogel vorsichtig wieder ins Nest setzen, sofern er unverletzt ist. Foto: Junge Stadttauben, © Dagmar Offermann

Wichtiger Hinweis: Die Eltern werden den Nachwuchs weiterhin versorgen, denn es spielt keine Rolle, ob er von Menschen berührt wurde oder nicht. Der Geruchssinn der Vögel ist nicht so hoch entwickelt, als dass der Geruch nach "Mensch" sie davon abhalten würde, ihren Nachwuchs zu versorgen.

Nur in eindeutigen Notsituationen, beispielsweise falls das Nest durch ein Unwetter zerstört wurde oder nachweislich beide Elternteile um Leben gekommen sind, können und sollten Jungvögel in menschliche Obhut genommen werden. Leider kommt es auch mitunter vor, dass das Nest sehr ungünstig gelegen und somit für den Menschen sogar mit einer Leiter nicht erreichbar ist. Auch in diesem Fall sollten Sie sich des Jungvogels annehmen.

Vollständig befiederter Jungvogel
Amsel-Ästling, der seine Eltern ruftSie haben einen jungen Vogel entdeckt, der schon vollständig befiedert ist und der allein auf dem Boden oder in einem Gebüsch sitzt; es handelt sich sehr wahrscheinlich um einen sogenannten Ästling. Zwar macht der gefundene Jungvogel einen gesunden Eindruck. Sie hegen jedoch Zweifel darüber, ob er von den Eltern versorgt wird. Verstecken Sie sich in diesem Fall so weit entfernt wie möglich und beobachten Sie den Jungvogel mindestens eine Stunde lang, besser zwei Stunden. Ruft er laut, so wird nach einiger Zeit ein Elternteil mit Futter herbei eilen. Dann können Sie sicher sein, dass der kleine Vogel keineswegs verlassen worden ist und somit keine menschliche Hilfe benötigt. Foto rechts: Amsel-Ästling, der seine Eltern ruft, © Gaby Schulemann-Maier

MauerseglerAchtung: Eine Ausnahme bilden hierbei Alpen- und Mauersegler. Am Boden aufgefundene Segler - egal ob alt oder jung - sind immer in akuter Not und bedürfen menschlicher Hilfe. Wie man jungen Mauerseglern helfen kann, erfahren Sie im Kapitel über die Aufzucht dieser Vögel. Auch junge Mehlschwalben und Rauchschwalben, die Sie am Boden finden, benötigen höchstwahrscheinlich Ihren Beistand. Einen Erfahrungsbericht über die Aufzucht junger Rauchschwalben können Sie in der Rubrik "Sonderbeiträge" nachlesen. Foto rechts: Mauersegler, © Ingrid Roeschke

Jungvogel an einem gefährlichen Ort gefunden
Überfahrene TaubeSitzt ein Jungvogel an einem offensichtlich gefährlichen Ort - dies kann beispielsweise der Rand einer Straße sein -, nehmen Sie ihn vorsichtig hoch und setzen Sie ihn an einen sicheren Ort, also zum Beispiel in ein Gebüsch. Im Unterschied zu vielen Säugetiereltern nehmen Vögel ihren Nachwuchs weiterhin an, obwohl man ihn mit seinen Händen berührt hat (siehe oben)!

Man sollte einen Jungvogel in einem Umkreis von maximal 25 Metern rund um den Fundort wieder absetzen, denn dieser Bereich befindet sich innerhalb des Areals, in dem die Elterntiere ihr Junges vermuten. Durch ihr lautes Rufen machen die Jungvögel ihre Eltern rasch auf sich aufmerksam und werden dann normalerweise weiterhin von ihnen mit Nahrung versorgen. Foto © Gaby Schulemann-Maier

Verletzten Jungvogel gefunden
Junge Amsel im KäfigSollten Sie einen Nestling gefunden haben, der sich zum Beispiel beim Sturz aus dem Nest verletzt hat, so wäre es sehr wahrscheinlich das sichere Todesurteil für das Tier, es seinem Schicksal zu überlassen. Sogar dann, wenn man den verletzten Nestling zurück ins Nest setzt, sind seine Überlebenschancen denkbar gering, weil die meisten Verletzungen zu einer lebenslangen Behinderung führen, wenn sie nicht behandelt werden. Ein gehandicapter Vogel hat in freier Natur eine äußerst geringe Lebenserwartung. Der Jungvogel sollte in menschlicher Obhut gepflegt und vor allem von einem Tierarzt versorgt werden. Foto rechts: Junge Amsel im Käfig, © M. Stumpf

Junger BuntspechtHaben Sie den Eindruck, der von Ihnen gefundene Ästling ist verwundet, untersuchen Sie ihn vorsichtig auf äußere Verletzungen. Blutet der Vogel oder hat er ein Bein beziehungsweise einen Flügel gebrochen? Ist das Tier nur leicht verletzt und am nächsten oder übernächsten Tag voraussichtlich wieder fit, so kann man folgenden Versuch unternehmen: Setzen Sie es möglichst am Fundort auf den Boden und stülpen Sie ein großes Käfigoberteil zum Schutz darüber. Bitte füttern Sie den Vogel zuvor nicht, damit er laut und kräftig schreit, um seine Eltern anzulocken. Foto rechts: Junger Buntspecht, © dieGeliebte, Pixelio.de

Beobachten Sie ihn nun mindestens zwei Stunden lang aus sicherer Entfernung. Mit ein wenig Glück wird ein Elternteil erscheinen und sich für den Jungvogel interessieren, oftmals wird sogar durch das Gitter hindurch gefüttert. Nachdem die Verletzungen abgeheilt sind, kann er getrost wieder in die Obhut seiner Eltern übergeben und aus dem Käfig entlassen werden. Stammen die Verletzungen vom Angriff eines Säugetiers, also beispielsweise von einer Katze, ist höchste Vorsicht geboten, weil mit dem Speichel gefährliche Krankheitserreger in den Blutkreislauf des Vogels gelangt sein könnten.

Ihre Katze hat einen Jungvogel nach Hause gebracht
Junger StarIm Idealfall sollten Katzenhalter in der Jungvogelzeit, also von Mitte März bis Mitte September, die heimische Vogelwelt schützen, indem sie Ihren Tieren keinen Freigang gewähren. Da diese Tierschutzmaßnahme von den meisten Katzenhaltern jedoch bedauerlicherweise strikt abgelehnt wird, kommt es immer wieder vor, dass Hauskatzen mehr oder minder schwer verletzte Jungvögel, gelegentlich auch Altvögel, mit nach Hause bringen. Foto rechts: Junger Star, © Dagmar Offermann

Ist dies geschehen, handelt es sich in den allermeisten Fällen um einen akuten Notfall. Auch wenn äußerlich zunächst keine auffälligen Verletzungen sichtbar sein mögen, so kann sogar der kleinste Riss in der Haut des Vogels zur Übertragung lebensgefährlicher Krankheitserreger (sogenannte Pasteurellen) über die Mundschleimhaut der Katze in den Körper des Vogels führen. Es ist häufig nötig, dass eine solche Infektion - sofern sie vorhanden ist -, von einem Tierarzt mit einem Antibiotikum behandelt wird. Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie im Kapitel "Verletzungen durch Säugetiere".

Ästling mitgenommen - was nun?
Junger StarEventuell haben Sie bei einem Spaziergang einen vermeintlich in Not geratenen, voll befiederten Jungvogel mitgenommen, weil Sie dachten, er würde dringend menschliche Hilfe benötigen. Haben Sie beim Lesen dieses Kapitels nun aber festgestellt, dass es sich um einen Ästling in der Bettelflugphase handelt, so können Sie die Situation wieder in Ordnung bringen, sofern Sie rasch handeln.

Altvögel suchen ihre verloren gegangenen Ästlinge bis zu 24 Stunden lang, erst dann geben sie ihren Nachwuchs auf. Bringen Sie den Ästling also am besten so schnell wie möglich wieder an genau die Stelle, an der Sie ihn gefunden haben. Warten Sie mindestens eine Stunde und schauen Sie, ob das Jungtier von seinen Eltern weiter gefüttert wird. Sollte dies der Fall sein, können Sie den Ästling getrost sich selbst überlassen. Findet hingegen keinerlei Fütterung durch Altvögel statt, war Ihre erste Eingebung wahrscheinlich doch richtig und der Vogel benötigt tatsächlich Ihre Hilfe. Foto rechts: Junger Star, © Dagmar Offermann

Ammennester finden
Bei einigen Vogelarten ist es sinnvoll, nach dem Finden eines Jungvogels nach einem geeigneten Ammennest zu suchen und den jungen Vogel dort hineinzusetzen. Je jünger das Vogeljunge ist, umso größer ist dabei die Aussicht auf Erfolg. Mit etwas Glück akzeptieren ihn die Ammeneltern und ziehen ihn mit auf. Insbesondere bei Schwalben ist dies die beste Vorgehensweise und der Handaufzucht durch den Menschen vorzuziehen.

Aber Achtung: Dies funktioniert nur in einigen Ausnahmefällen und nur bei wenigen Vogelarten und darf nur unter genauer Beobachtung geschehen.

Wichtig ist, ein geeignetes Nest zu finden, in dem dieselbe Vogelart mit Jungen in etwa im selben Alter heranwächst. Die Einsetzung des Jungvogels muss schnell und möglichst ohne große Unruhestiftung vonstatten gehen. Anschließend muss für mehrere Stunden beobachtet werden, wie die Eltern auf den Neuling reagieren. In etwa 70% der Fälle ist diese Methode erfolgreich, aber nicht immer.

Vogelarten mit nur wenigen Jungen, wie zum Beispiel Amseln, Sperlinge, Finken, Grasmücken usw., bemerken es meist, wenn ein fremdes Junges im Nest sitzt und werfen es kurzerhand heraus. Vogelarten, bei denen nachweislich die Einbringung in ein Ammennest erfolgreich sein kann, sind beispielsweise Schwalben und Meisen.


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